[...] Kommt ein Euphemismus zum Einsatz, wird damit etwas Bestimmtes bewirkt; diese Wirkungen können umgekehrt aus der Sicht des Sprechers als Motiv dienen, zu einem solchen Ausdruck zu greifen. Eine einzelne solche sprachliche Wirkung muss dabei als Motiv nicht zwangsläufig von den anderen isoliert und allein für die Verwendung eines Euphemismus verantwortlich sein. Meist können die Funktionen von Euphemismen nicht scharf voneinander getrennt werden, oft dominiert ein bestimmtes Motiv.
Verhüllung, Tarnung und Vertuschung
Euphemismen dieser Art bezeichnen eine Sache oder einen Sachverhalt in der Weise, dass das eigentlich Gemeinte auf der Wortebene nicht – oder zumindest nicht vordergründig – in Erscheinung tritt. Dies liegt vor allem bei strengen Normen und tabuisierten Inhalten vor oder dort, wo Sachverhalte bewusst verhüllt werden sollen[2], um beispielsweise eine öffentliche Empörung zu verhindern, so etwa im öffentlichen Sprachgebrauch totalitärer politischer Systeme, wo dieses Mittel auch ausdrücklich als sprachpolitische Maßnahme eingesetzt wird. Denn mit einer derartigen Gebrauchsweise kann letztlich eine bewusste Beeinflussung der Angesprochenen im eigenen Interesse erfolgen.
Milderung und Schonung
Euphemismen können eine abschwächende Wirkung haben und das Gesagte weniger drastisch erscheinen lassen. Eine solche Verwendungsweise schont die Gefühle der angesprochenen Person oder auch des Sprechers selbst und kommt dort zum Einsatz, wo Ehrerbietung, Rücksichtnahme und Höflichkeit angebracht sind, also vorwiegend dort, wo bestimmte gesellschaftliche und kulturelle Konventionen und Normen eine solche Rücksichtnahme erforderlich machen.
Aufwertung
Vielfach werden statt der eigentlichen Bezeichnungen für eine Person, Sache oder Angelegenheit beschönigende Ersatzausdrücke hauptsächlich zum Zweck einer Aufwertung verwendet. Dadurch kann entweder das Bezeichnete selbst mit Absicht gewürdigt oder in ein besseres Licht gestellt werden, oder es wird der damit in Zusammenhang stehenden Person oder Personengruppe Höflichkeit und Wertschätzung entgegengebracht. Solches ist etwa bei den sprachlichen Normen der Political Correctness der Fall.
...
Neben solchen beschönigenden Redeweisen in der politischen Alltäglichkeit existieren diese auch auf etlichen Spezialgebieten. Im militärischem Bereich etwa ist ein bekannter und in der Zwischenzeit ebenfalls beinahe zum Alltagsvokabel gewordener Euphemismus der Ausdruck „Kollateralschaden“. Das Wort bezeichnet im hier verwendeten Sinne eine mit einem militärischen Schlag – selbst ein beschönigender Ausdruck für „kriegerischer Angriff“ – einhergehende Zerstörung von zivilen Einrichtungen und die Tötung von Zivilpersonen. Mit dem Wort „Kollateralschaden“ wird die verheerende Tat und die ihr zugrunde liegende Aggression zu einer Sache herabgemindert, die „nebenher“ (lateral = ‚seitlich, nebenbei‘) und somit beiläufig passiert. Die Empörung der Öffentlichkeit bei Aufkommen dieses Wortes über den Zynismus, der in diesem Wortgebrauch liegt, schlug sich darin nieder, dass der Ausdruck in Deutschland im Jahr 1999 zum „Unwort des Jahres“ erklärt wurde. – Ein gleich gelagertes Beispiel aus diesem Bereich ist „ethnische Säuberung“, das stellvertretend für „Völkermord“ oder zumindest „Vertreibung“ steht.
Mit der Grünbewegung und dem damit einhergehenden erhöhten Umwelt- und Konsumbewusstsein ab den 1970er Jahren wurden auch Sachen mit euphemistischen Ausdrücken belegt, die auf Umweltschäden und auf die Bedrohung der Natur hinweisen. So wurde beispielsweise die stinkende und Gegenstände aus biologisch nicht abbaubaren Materialien enthaltende „Mülldeponie“ zum konnotativ neutralen „Entsorgungspark“, wie auch die sprachliche Neubildung „entsorgen“ selbst – als semantisches Gegenstück zu „versorgen“ – auch zum verhüllenden Ausdruck für „wegwerfen“ wurde. Während „Entsorgungspark“ als Beschönigung in erster Linie den Betreibern zugute kommt, dient „entsorgen“ auch den umwelt- und konsumkritischen Konsumenten als sprachliche Tarnung, wenn sie selbst etwas wegwerfen. Denn mit dem Wort „entsorgen“ rechtfertigt man, dass mit dem Entledigen einer Sache kein Verstoß gegen die (gruppeninterne) Norm begangen wird, selbst nicht zur „Wegwerfgesellschaft“ zu gehören. Doch auch das Wort „entsorgen“ hat mittlerweile viel von der beschönigenden und tarnenden Komponente verloren und Alltagscharakter angenommen.
Ein Beispiel aus einem angrenzenden Sachbereich ist der Einsatz des Wortteiles „Kern-“ anstelle von „Atom-“ besonders in den 1970er Jahren. Da das Wort „Atom“ mit negativen Assoziationen von Gefahren unterschiedlicher Art behaftet war (etwa „Atombombe“), wurde auf Seiten der Befürworter der friedlichen Nutzung der Atomkraft das Wort vermieden und bevorzugt von „Kernkraft“, „Kernenergie“, „Kerntechnik“ gesprochen, sodass bereits anhand der Wortwahl ersichtlich war, welcher Seite man angehörte. (Ein Slogan der Gegner hingegen lautete „Atomkraft nein danke“.) Zudem erinnerte gerade zu dieser Zeit des Erstarkens ökologischen Gedankenguts das Wort „Kern“ – obwohl es aus der Fachsprache der Physik stammt – an natürliche Produkte wie Kernobst und lenkte so von den unliebsamen Nebenbedeutungen von „Atom“ ab.
... Ein organisierter und konsequenter Einsatz von Euphemismen im politischen und medialen Bereich kann letztendlich tatsächliche „Manipulation und Meinungslenkung“ bedeuten. Denn neben Tabubewältigung ist die beabsichtigte Beeinflussung anderer die wesentliche pragmatische Funktion des euphemistischen Sprachgebrauchs.
...
Aus: "Euphemismus" (16. Mai 2011)
Qzuelle:
http://de.wikipedia.org/wiki/Euphemismus