[...] Deutsche Soldaten schänden Toten
[...] • Auf einem Foto wird ein Totenschädel auf dem Tarnscheinwerfer eines Kleinpanzers vom Typ „Wiesel“ präsentiert.
• Das nächste Foto zeigt einen Mercedes-Jeep vom Typ „Wolf“. Ein Bundeswehrsoldat spießt den Schädel an einer Spezialvorrichtung zur Durchtrennung von Stahlseilen („cablecutter“) auf. Drei Kameraden schauen dem makaberen Treiben zu.
• Auf einem weiteren Foto posieren zwei Soldaten auf der Motorhaube des Jeeps – zwischen ihren Beinen den Kabeldurchtrenner mit dem aufgepflanzten Totenschädel.
• Ein anderes Foto zeigt einen lachenden Soldaten, der den Totenschädel stolz in die Kamera hält.
• An Perversität kaum zu überbieten ist das Foto, das einen Bundeswehrsoldaten mit entblößtem Glied in der linken und dem Schädel in der rechten Hand zeigt!
[...] Der frühere Kommandeur der internationalen Afghanistan-Schutztruppe ISAF, Norbert van Heyst: „Das kann in Afghanistan katastrophal wirken.“ Citha Maaß von der Stiftung Wissenschaft und Politik fürchtet, es könne jetzt zu Anschlägen auf die dort stationierte deutsche Truppe kommen: „Das ist nicht ganz in der Kategorie der Mohammed-Karikaturen. Aber es reicht an die Sache heran. Die Frage ist, ob man das noch eindämmen kann.“
Aus: "Totenkopf-Skandal: Verdächtige im Verhör – Anschläge befürchtet" (25.10.2006)
Quelle:
http://www.bild.t-online.de/BTO/news/aktuell/2006/10/25/afghanistan-totenkopf-update/afghanistan-totenkopf-update.html-.-
[...] Weiß man denn, was die jungen Medizinstudenten während ihres Praktikums in der Pathologie für Witze machen? Ich habe schon Erstaunliches darüber gehört, wie es am Leichentisch zugeht – wenn keiner guckt. Angeblich ist da auch das Obszöne nicht ausgeschlossen. Erstaunlich sind solche Berichte allerdings nur, solange nicht berücksichtigt wird, wie schwer das psychische System die körperliche Begegnung mit dem Tod verarbeitet. Die Dummheiten, die anlässlich dieser Begegnung gemacht werden, sind wahrscheinlich ganz gesund. Sie verhindern, dass die Eindrücke nach innen schlagen.
Dasselbe gilt – verschärft – für die Jungens, die mitten aus einem harmlosen Alltag gerissen und mit der Möglichkeit, töten zu müssen oder selbst getötet zu werden, konfrontiert sind. Wenn sie dadurch nicht in seelische Abgründe gerissen werden wollen, müssen sie einen frivolen Humor aktivieren. Die Verwegenen unter ihnen können die Gelegenheit, den Tod einmal kräftig auf die Schippe zu nehmen, nicht gut auslassen. Man sollte sie ungestraft lassen.
Man wird sie – wenn man die einschlägige Vorschrift des Strafgesetzbuchs richtig anwendet – auch ungestraft lassen müssen. Eine „Störung der Totenruhe“ setzt nämlich „eine besonders hohe Missachtungskundgebung voraus, mit welcher dem Toten Verachtung entgegengebracht und ihm Schimpf angetan werden soll“. Dieser Fall liegt hier nicht vor. Nicht einem Toten wurde hier Schimpf angetan. Sondern dem Tod. Seine Hoheit persönlich wurde verarscht. „Fuck you“ wurde ihm, der sich in dem Schädel als seiner Ikone verkörpert, zugerufen. Anders ausgedrückt: Dem Sensenmann wurde der Stinkefinger gezeigt.
Die Reaktion der Öffentlichkeit ist heuchlerisch. Sie verdrängt mit ihrer Empörung, dass sie sich selbst gerade in dem heiklen Bereich von Tabu und Frevel bewegt. Sie verdrängt die Skrupel, die fällig sind, weil sie zulässt, dass Deutschland – ohne angegriffen zu sein – wieder Soldaten in die Welt schickt, die dort offensiv tötend tätig werden. Deutschland ist wieder normal geworden – in der Weise, dass es den Schwur gebrochen hat, den es nach dem Zweiten Weltkrieg abgelegt hat: Nie wieder Krieg! Das Tötungs- Tabu sollte diesem Volk in Zukunft absolut heilig sein. „Kein Deutscher soll jemals wieder einen Helm tragen“, hatte Konrad Adenauer gesagt, und nur aufgrund dieses Schwurs waren die Deutschen imstande, nach 1945 wieder ihr gesenktes Haupt zu heben.
Wenn ein Tabu gebrochen wird und die Angst vor Frevel aufkommt, werden Sündenböcke gebraucht. Man macht sich sauber, indem man sie verdrischt. So schicken die Deutschen ihre Jungens wieder hinaus in den bösen alten Tanz – aber erlauben ihnen nicht, die damit verbundenen Belastungen auf ihre jugendliche Weise, nämlich frivol und obszön, zu kompensieren. Sie dürfen töten – aber sie dürfen sich nicht dadurch entlasten, dass sie den Tod auf die Schippe nehmen.
Aus "POSITIONEN: Wer mit dem Schädel spielt „Störung der Totenruhe“? Die Debatte um die Soldaten ist heuchlerisch Von Sibylle Tönnies; 27.10.2006 (Die Autorin ist Juristin und Lehrbeauftragte an der Universität Potsdam)
Quelle:
http://www.tagesspiegel.de/meinung/archiv/27.10.2006/2859943.asp-.-
[...] die Fotos, welche die Bildzeitung veröffentlichte, [taugen] nicht zum großlettrigen Skandal, zu dem sie die Zeitung mit Überschriften wie "Schockfotos von deutschen Soldaten" und "Deutsche Soldaten schänden Toten" machen will. Sie sind vor allem peinlich, halbstarke Foto-Bricolage. Und die Äußerungen der Politiker - Merkel fand die Fotos "schockierend und abscheulich", Außenminister Steinmeier gab sich "bestürzt" - im politischen Geschäft zwar verständlich, aber nach nüchternen Kriterien hätte etwas weniger Aufregung auf höchster Ebene wahrscheinlich auch nicht geschadet.
Aus: "Betriebsausflug mit Totenschädel - Fotos von deutschen Soldaten sind kein Skandal, aber sie machen erneut auf die explosive Lage in Afghanistan aufmerksam" Von Thomas Pany (TP; 25.10.2006)
Quelle:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23833/1.html-.-
[...] Besonders die rot-grüne Regierung hat die Out-of-area-Einsätze der Bundeswehr heuchlerisch als bewaffnete Sozialarbeiterkommandos getarnt. Über die Aktivitäten der KSK hüllte man sich aus Sicherheitsgründen in Schweigen. Das war verlogen: Es ging bei diesem Schweigegelübde nicht um die militärische Sicherheit der Soldaten, sondern um die politische Sicherheit der Regierung, die nicht zugeben wollte, dass deutsche Soldaten im Ausland nicht nur Bonbons an Kinder verteilen und Schulen aufbauen - sondern auch feindliche Kämpfer töten müssen.
[...] Die Große Koalition hat bisher keinen Anlass gesehen, diese selektive Informationspolitik der Bundeswehr zu ändern, gegen die das Embedment-Programm der US-Armee geradezu ein Freibrief für unabhängige Recherche ist.
[...] Der Einsatz in Afghanistan ist die bisher heikelste Mission der Bundeswehr. Seit 2002 verloren insgesamt 18 Soldaten ihr Leben.
[...] Vor einigen Jahren recherchierte ich im Norden des Landes ungeheuerliche Gerüchte über ein Massaker an Kriegsgefangenen. Mehrere hundert Taliban-Kriegsgefangene, so hieß es, seien von der Nordallianz in der Wüste bei Masar-i-Scharif hingemetzelt worden. Die Täter hatten sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen. Ich lief buchstäblich über Killing Fields, ein Meer von Skeletten und Patronenhülsen lag vor meinen Augen.
Aus: "KOMMENTAR: Alptraumbilder aus den Killing Fields" Von Claus Christian Malzahn (SPON; 25. Oktober 2006)
Quelle:
http://www.spiegel.de/politik/debatte/0,1518,444599,00.html-.-
[...] Bemerkenswert ist hier zweifellos die allgemeine Empörung über den Umgang mit einem Totenschädel angesichts des allein in Afghanistan seit Jahren andauernden Umgangs mit der Bevölkerung. Immer wieder dringen Berichte über die Bombardierung oder anderweitige "versehentliche" Tötung von Zivilisten an die Öffentlichkeit, ohne auch nur entfernt ähnliche Reaktionen hervorzurufen. Daß derartige Vorfälle bisher nicht direkt mit deutschen Soldaten in Verbindung gebracht wurden dürfte dabei vorrangig der die KSK-Soldaten begleitende Geheimhaltung geschuldet sein.
Spätestens angesichts nun geäußerter "Befürchtungen" einer "erhöhten Anschlagsgefahr" infolge von "Rachegedanken" aufgrund dieser Bilder offenbart sich hier eine grundlegende Heuchelei. Sollte es in der afghanischen Bevölkerung "Rachegedanken" gegenüber Deutschland geben, so existieren diese zweifellos vorrangig aufgrund der deutschen Beteiligung am US-geführten Angriffskrieg und der fortgesetzten Zerstörung, Besatzung und Unterdrückung ihres Landes.
Aus: "Künstliches Entsetzen: Panik angesichts einiger Photos" (25.10.2006; freace.de)
Quelle:
http://www.freace.de/artikel/200610/251006b.html-.-
[...] Die Soldaten, die ihre Pimmel an Totenköpfe halten und sonst gern Schabernack mit Leichen treiben - das sollen auch die Soldaten sein, die rechte Politiker im Inneren einsetzen wollen? Nur auf Friedhöfen, oder dürfen sie auch auf den Strassen Köpfe abhacken? Falls ja, bin ich doch sehr dagegen.
Aus: "Mal ne blöde Frage" donalphons, 15:10h (Mittwoch, 25. Oktober 2006)
Quelle:
http://rebellmarkt.blogger.de/stories/589524/richard graf rappoldstein, Mittwoch, 25. Oktober 2006, 15:23
[...] Da werden Soldaten hingeschickt, um im Fall der Fälle Menschen umzubringen und dann dürfen die noch nicht einmal mit dem Schädel kicken. Das wäre doch das Mindeste, was man denen zustehen könnte.
donalphons, Mittwoch, 25. Oktober 2006, 15:24
Ist halt alles eine Frage der Ächtung. Leichen machen ist ok, Leichen schänden dagegen wohl eher nicht.
verlagsfuzzi, Mittwoch, 25. Oktober 2006, 16:12
[...] Schlürft Ihr beim Verfassen gerade an einem leckeren Milchkaffee in einem schicken Münchner Cafe?
Hat einer von Euch einen blassen Schimmer, was es heisst, dort monatelang im Dreck rumzukriechen? Versteht Ihr was von Militärpsychologie?
Nein, Ihr nehmt lieber die Komlexität raus und vermengt das mit Eurer rechts/links-Denke. Ihr seid doch die Phrasendrescher! Wie primitiv, sich an den Jungs auszulassen.
franz.brandtwein, Mittwoch, 25. Oktober 2006, 22:26
[...] anyway - ich dachte "unsere Jungs" sind eh nur zum Muelltrennen bei den Afghanen ... so kann man sich irren.
hockeystick, Mittwoch, 25. Oktober 2006, 22:23
Telepolis berichtet übrigens über Polo-Partien mit Schädeln im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet. Aber die Einheimischen lassen dabei wenigstens ihre Hose zu.
first_dr.dean, Mittwoch, 25. Oktober 2006, 23:22
Soldaten, die Totenschädel anpimmeln, sind eine fast optimale Ergänzung zu "Zeitungen" wie BILD. Jedenfalls stellen sie eine logische Konsequenz dar.
iguana, Donnerstag, 26. Oktober 2006, 12:16
"Die Soldaten, die ihre Pimmel an Totenköpfe halten und sonst gern Schabernack mit Leichen treiben..."
...waren das eigentlich BILD-Leserreporter?
Quelle:
http://rebellmarkt.blogger.de/stories/589524/#comments-.-
...außerdem ist jede Armee Spiegel ihrer Gesellschaft, undbeim Zustand der bundesdeutschen Gesellschaft wundert mich nichts mehr...
wondergirl, Mittwoch, 25. Oktober 2006, 19:31
Ja? Ein Bekannter hat sich während seiner Wehrdienstzeit versetzen lassen, weil seine ersten Zimmergenossen (oder wie das heißt) es besonders lustig fanden, sich gegenseitig und anderen mit dem Schwanz im Gesicht rumzureiben.
Jungs sind eklig.
mark793, Mittwoch, 25. Oktober 2006, 21:54
@wondergirl:
Gehört habe ich von solchen Gepflogenheiten auch oft. Real begegnet sind sie mir zum Glück nicht. Sollte anno 84 auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges etwa alles besser gewesen sein? Nebenbei bemerkt: Ich habe ein Atomraketenlager bewacht, während so ziemlich jeder meiner damaligen Freunde bei Ostermärschen und dergleichen auf der anderen Seite des Zauns stand.
[...] Wir hatten damals noch eine ganze Reihe Ausbilder und Offiziere, die sehr stark sozialliberal geprägt waren und einen sehr teamorientierten Führungsstil pflegten. Ich bin froh, dass diese Leute nicht verweigert hatten. So geartetes Personal fehlt dieser Truppe heute, weil sich jeder halbwegs kritisch dünkende Mensch zu schade für diesen Job ist. Was ich ja wie gesagt auch keinem verdenken kann. Schwieriges Thema...
Aus: "Leichenschänder in Afghanistan" Von che2001 (Mittwoch, 25. Oktober 2006)
Quelle:
http://che2001.blogger.de/stories/589578/-.-
[...] Ein wenig beachtetes Problem im Zusammenhang des aktuellen Skandales um die Leichenschändungen durch Soldaten der deutschen Bundeswehr ist die Doppelmoral der politischen Reflexhandlungen auf die mediale Aufmerksamkeit für dieses Thema.
Einerseits ist der Auftrag und der Beruf des Soldaten die Anwendung der Staatsgewalt in ihrer rohesten und direktesten Form. Das erfordert beim Soldaten ein gewisses Maß an menschlicher Stumpfheit, Mitleidslosigkeit, Kälte und damit letztlich Barbarei, ohne die sich ein solcher Auftrag nicht erfüllen ließe. Diese Barbarei ist Spiegelbild der Barbarei jener Gewalt, auf der alle heutigen Staaten letztlich gegründet sind und in die alle heutigen Staaten zurückfallen, wenn die bloße Drohung mit der Gewalt nicht hinreichend ist, um die jeweiligen politischen Ziele zu erreichen. Die Barbarei ist also politisch gewünscht und gewollt, sie wird als “Härte” und “Tapferkeit” offen vom Soldaten eingefordert und in Fällen besonderer Selbstvergessenheit in der Gewaltanwendung auch mit ehrenvollen Auszeichungen öffentlich belohnt.
Wenn aber andererseits Menschen im Rahmen der Anwendung staatlicher Barbarei äußerst verachtenswerte Taten auf eigene Faust begehen, was ja angesichts der existenziellen Umstände eines Soldaten im Einsatz gar nicht so überraschend ist, so wird die medial dargebotene Empörung der politischen Kaste übergroß und die in Kameras und Mikrofone gesprochenen Worte triefen vor Moral und Menschenrecht.
Die so in der Öffentlichkeit auftretenden Vertreter des Staates zeigen durch diese Doppelmoral, welchem lichtscheuen Gesindel sie angehören. Das sollten sich gerade Soldaten, aber auch alle anderen Menschen genau vor Augen halten, wenn sie kaltschnäuzig für die Absichten dieser Menschen “ihren Job machen”.
Aus: "Leichenschändungen und Doppelmoral" Von Nachtwächter um 16:56 (25. Oktober 2006)
Quelle:
http://www.tamagothi.de/2006/10/25/leichenschaendungen-und-doppelmoral/-.-
[...] Die Bilder hatten sofort vehemente mediale und politische Wirbelstürme verursacht und die vom Verteidigungsministerium eigentlich für diese Woche beabsichtigte öffentliche Diskussion über das neue "Verteidigungsweißbuch" gänzlich in den Hintergrund gedrängt. Sofort ging es darum, die Exzesse nur einzelnen, unverantwortlichen Soldaten zuzuschreiben, die dann auch die strafrechtlichen Konsequenzen zu fürchten hätten. Mal abgesehen von den disziplinarrechtlichen Konsequenzen – welcher Berufs- oder Zeitsoldat wird schon gerne aus der Truppe geschmissen? – sind die strafrechtlichen Konsequenzen eher weniger bedrohlich. Darüber täuscht auch die harsch klingende Formulierung nicht hinweg, die Staatsanwaltschaft habe "die Ermittlungen aufgenommen". Denn was könnte schon der Straftatbestand sein? "Störung der Totenruhe"? Aber müsste dann nicht jeder Ägyptologe vorsichtshalber seinen Beruf an den Nagel hängen?
[...] Mit in Jahrzehnten vervollkommneter traumwandlerischer Sicherheit trifft BILD den gesellschaftlichen Nerv. Eine ein Tabu brechende Enthüllung ("Die Bilder erregen Abscheu"), kombiniert mit staatstragender Rhetorik ("Sind sich Vorgesetzte immer ihrer Verantwortung bewusst?") garantiert hechelnde Neugierbefriedigung und pseudo-moralische Unangreifbarkeit.
[...] "Totenschädel" sind das Symbol des Todes schlechthin, insbesondere in unserem Kulturkreis. Jeder kennt Piratenflaggen. Insbesondere in Süddeutschland können selbst Kindergartenkinder in Beinhäusern aufgetürmte Schädeltürme in Augenschein nehmen. Die Katakomben von Paris mit ihren Menschenknochenmassen lassen jedes Jahr Tausende Touristen frösteln. Aber Schädel und Menschenknochen sind abstrakt; sie lassen das verblichene Leben nur erahnen. Nur deshalb kann eine Medizinstudentin gebettet über einer Kiste mit Menschenknochen ruhig schlafen. Im Rheinischen Landesmuseum Bonn ist derzeit anlässlich des 150ten Jahrestages der Entdeckung des Neandertalers eine einzigartige Ausstellung über die Evolution des Menschen zu sehen. Ausgestellt sind jede Menge Knochen, auch solche moderner Menschen, die ganz bewusst ausgebuddelt wurden. Nicht einmal Grundschulklassen schaudert es vor ihnen.
Bewusst dachten die Soldaten demnach wahrscheinlich eher wenig. Aber in ihrem tiefsten Inneren haben sie vermutlich alte Rituale vollzogen, um ihre Angst vor dem Tod zu kompensieren.
[...] Wo bleibt das Internet?
"Das Internet" hat völlig versagt. Schlicht und ergreifend. Wahrscheinlich deshalb, weil es dort immer nur um "George Dabbleyou" geht. Aber wo sind die kritischen deutschen Blogs, die darüber berichten, was bei "unseren" Auslandseinsätzen geschieht?
[...] Was bewirken die BILD-Veröffentlichungen? - Kurzfristig sicherlich vor allem eine Auflagensteigerung. Aber mittel- und langfristig tragen sie vielleicht sogar dazu bei, dass eine wirkliche Diskussion über die Bundeswehreinsätze in Gang kommt. Denn die kritischen Mahnungen der "üblichen Verdächtigen" des Medienzirkus, was deutsche Auslandseinsätze angeht, wurden ja noch nie wirklich gehört.
Das haben aber nicht zuletzt unsere SoldatInnen nicht verdient. Denn wenn sie einen Dienst leisten müssen, den hier zu Hause niemand versteht, dann kommt jeder einzelne von ihnen irgendwann zurück in eine Welt, in der er oder sie nicht mehr verstanden wird. Der Ruf nach psychologischer Betreuung für die SoldatInnen wird dann schnell laut. Aber er ist nicht angebracht, denn die Männer und Frauen, die aus Afghanistan und anderen Gegenden zurückkommen, sind keine Verrückten. Wenn überhaupt, dann ist es der zu Hause gebliebene Teil der Gesellschaft, der psychologischer Betreuung bedarf. Denn er schottet sich medial, politisch und individuell mit allen Mitteln gegen die Wirklichkeit "da draußen" ab. Es ist zu hoffen, dass BILD unwissentlich damit begonnen hat, diese Barriere einzureißen.
Aus: "BILD sei Dank" Von Christian Gapp (TP; 26.10.2006)
Quelle:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23837/1.html-.-
[...] Solcherart Umgang mit dem Gebein des Feindes genießt bei europäischen Soldaten im "Auslandseinsatz" seit jeher Tradition. Als Lord Kitchener 1899 den ersten modernen islamistischen Gottesstaat im Sudan, übrigens eine üble Diktatur, zerschlagen hatte, ließ er dessen Gründer, den Mahdi, exhumieren und die Gebeine in den Nil werfen. Kitcheners ursprüngliche Absicht, den extra einbehaltenen Schädel dem Londoner "College of Surgeons" zur Verfügung zu stellen, gab er zugunsten einer schlichten Beisetzung auf einem Kairoer Friedhof auf. Doch auch das Gebaren der rechtgläubigen mahdistischen Glaubenskrieger zeugte nicht von einer Achtung der Totenruhe. Sie stellten den abgeschnittenen Kopf des von ihnen 1885 ermordeten englischen Generals Gordon öffentlich zur Schau.
[....] Die Kulturgeschichte des Totenschädels von der germanischen, griechischen oder präkolumbianischen indianischen Mythologie über die Ikonographie mittelalterlicher Flugschriften bis in die Gegenwart moderner Computerspiele ist hinlänglich erforscht – inklusive seiner Nutzung als Symbol militärischer Verbände: In Nachahmung ungarischer und polnischer Uniformen zierte der Totenkopf mit gekreuzten Knochen seit 1741 auch die Pelzmützen preußischer Reiter. Von 1808 bis 1918 stellten die "Totenkopf-Husaren" das Leibhusarenregiment der Hohenzollern.
Der Schädel an der Mütze ist durchaus nicht nur negativ konnotiert: Schillsche und Lützower Jäger trugen ihn ebenso wie die Mannen des "schwarzen Herzogs" von Braunschweig im Befreiungskrieg gegen Napoleon. Später pinselten ihn sich putschende Freikorpsleute auf die Helme. Von da war es nur noch ein kurzer Weg zum Wahrzeichen einer Verbrecherriege: Die SS trug ihn an Kragenspiegel und Mütze. Doch nicht nur sie. Im Erbeverständnis als "moderne Husaren" und als Reminiszenz an die martialische Bemalung erster deutscher Kampfwagen von 1918 trugen auch die Panzertruppen der Wehrmacht bis 1945 Knochen und Schädel auf der Uniform. Totenkopfabzeichen sind beileibe kein Privileg deutscher Soldaten: Ihrer Majestät Royal Lancers tragen sie bis heute ebenso am Barett wie ihre Kameraden vom British Royal Navy Submarine Service.
Nun existiert ein Unterschied zwischen symbolischer Darstellung und dem realen Relikt: Ein aufgenähtes Zeichen prädestiniert nicht automatisch zum Totschläger und Leichenschänder. Doch natürlich steckt hinter solch bildlichen Darstellungen im militärischen Kontext auch Programm. Ein Krieger von echtem Schrot und Korn fürchtet weder Tod noch Teufel, der furchtbare Schmuck soll den Gegner erblassen lassen. Militärs pflegen so seit jeher ein besonders enges Verhältnis zum menschlichen Schädel, die Berührungsängste sind gering.
Sich jetzt nur über die Fotos zu empören, verschleiert das eigentliche Problem: Seit jeher sind Rituale, in denen der Totenkopf eine Rolle spielt, fester Bestandteil des Brauchtums von Männergesellschaften wie irokesische Clans, Templer, schlagende Verbindungen oder Freimaurer. Die Darstellung und Vervielfältigung im Bild heben es auf ein neues Niveau: Esprit du Corps wird potenziert und ist jederzeit abrufbar.Das ist natürlich nur eine Erklärung und erst Recht keine Entschuldigung für das Verhalten der jungen Soldaten in Afghanistan. Allerdings sollten wir dann auch den Mut zu einem weiteren Schritt haben. Nur ganz kurz schwenkte die Kamera in einem RTL-Bericht über den Namen der Kaserne und der Gebirgsjägereinheit der involvierten Tatverdächtigen: Edelweiß.
Mindestens ebenso beunruhigend wie der schnöde Umgang mit den Überresten der Toten ist eine bestimmte Art von Traditionspflege: Soldaten der 1. Gebirgsjägerdivision "Edelweiß" massakrierten am 16. August 1943 mit unglaublicher Grausamkeit die Bewohner des griechischen Dorfes Kommeno und machten sich später bei "Sühnemaßnahmen" für Partisanenüberfälle auf dem Balkan verdient. Alljährlich gedenkt man bei der Bundeswehr-Gebirgsjägerbrigade ganz offiziell der gefallenen Kameraden des zweiten Weltkrieges – ein Gedanke an hunderte zivile Opfer wird nicht verschwendet. Bilder vom pietätlosen Umgang mit dem menschlichen Körper – auch durch Deutsche – werden uns angesichts weltweiter kriegerischer Auseinandersetzungen zunehmend bewegen. Vielleicht wäre neben dem Entsetzen wieder einmal ein Nachdenken über die Tradition, in der sich unsere Soldaten im Ausland bewegen, angebracht.
Aus: "Schädel, Knochen & Edelweiß - Gedanken zu einer kopflosen Debatte" Thomas Kramer (TP; 28.10.2006)
Quelle:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23845/1.html-.-
[...] Ein KSK-Soldat sagte: „Ein paar unserer Jungs sind Ewiggestrige und fanden es besonders schick, mit dieser Wehrmachtsinsignie herumzufahren.“
Aus: "KSK-Soldaten verwendeten angeblich Wehrmachts-Emblem" (01.11.2006)
Quelle:
http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/328/90238/-.-
[...] Berlin - Der respektlose Umgang mit Toten ist unter Bundeswehrsoldaten in Krisengebieten womöglich seit Jahren gängige Praxis - nicht nur in Afghanistan. "Ich habe selbst im Kosovo mitbekommen, dass junge Soldaten bei Exhumierungen oder in der Pathologie Fotos gemacht haben, die unter der Hand im Lager kursierten, ohne dass die Vorgesetzten offensichtlich davon etwas mitbekommen haben", sagte der Truppenpsychologe Horst Schuh der "Bild am Sonntag".
[...] Truppenpsychologe Schuh sagte, die meisten jungen Soldaten reagierten auf Verwundung und Tod schockiert. Es gebe aber auch einige, auf die das Makabre eine bizarre Anziehungskraft ausübe. Hinzu komme ein Imponiergehabe, das in einer Gruppe eine eigene Dynamik entwickeln könne. Er verglich diese Versuche, beängstigende Situationen zu bewältigen, mit den Scherzen von Medizinstudenten am Seziertisch. Es würde ihn nicht wundern, "wenn weitere Bilder dieser Art auftauchen", fügte der Oberst der Reserve hinzu.
Aus: "Bericht über Horror-Fotos aus dem Kosovo" (SPON; 28. Oktober 2006)
Quelle:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,445249,00.html-.-
[...] Am Freitag kündigte das Hamburger Massenblatt die nächste Stufe an. Ihm lägen "Dutzende neuer Bilder" vor. Bei den darauf abgebildeten Szenen soll es sich um martialische Totentänze eigener Art handeln, makabre Skelett-Puzzles: Einer zusammengesetzten Knochen-Figur werde eine Pistole an den Schädel gehalten. Gebeine seien zum Schriftzug "CSR" angeordnet. CSR steht für "campside reconnaissance", die Geländeaufklärung im Gebiet um das deutsche Camp.
[...] Der Verteidigungsminister persönlich hat das Motto ausgegeben, wer sich so verhalte, habe in der Bundeswehr keinen Platz. Aber was heißt "so"? So unmenschlich? So undiszipliniert? So unpolitisch? Oder nur so abgrundtief dämlich? Die allgemeine Fassungslosigkeit ist nicht nur moralisches Urteil, sondern auch ein intellektuelles und politisches Versagen. Bei aller einhelligen Empörung und Entschlossenheit zur Bestrafung herrscht unter den Berliner Zuständigen und parlamentarisch Mitverantwortlichen (der Fairness halber: auch in den Medien) beträchtliche Unsicherheit, wie die Sache überhaupt zu bewerten sei. Schon das beschreibende Vokabular flattert nervös hin und her: "Leichenschändung", "Schädigung des Ansehens der Bundeswehr", "makabrer Missbrauch von Leichenteilen". Mal wird die Untat juristisch gefasst ("Störung der Totenruhe"), mal politisch ("fataler Schaden für das Image der Bundeswehr", "Gefährdung der Sicherheit"), mal unter Gesichtspunkten von Anstand und Benimm ("Schweinkram"). Mal bleibt die Frage völlig offen, wo genau der Verstoß anzusiedeln sei ("schreckliches Fehlverhalten weniger Soldaten"). Bloß weg damit.
So wird das große Übel mehr lautstark verschrien als verstanden. Einen genaueren Begriff von Art und Ausmaß der Schuld der Beteiligten hat man sich bis dato erspart, bei den Bundeswehr-Oberen ebenso wie bei der politischen Führung.
Die kollektive Scham, der Distanzierungseifer ist so groß, dass sich bislang keiner traut, den Umstand zu benennen, der diesen Typus Entgleisung immerhin kategorial unterscheidet von den Kriegs-Exzessen, die sich mit den Tatorten Abu Ghraib oder Masr al Sharif verbinden: Er richtet sich, bei aller Widerwärtigkeit, ja nicht gegen lebende Personen. Er macht unter ihnen keine Opfer. Was sich die jungen Männer geleistet haben, deren Bilder jetzt die Nation verstören, ist ist eine vage, ohne Adresse bleibende Rohheit, nicht gezielte Unmenschlichkeit.
Während sich also im Skandal-Schock die politische Klasse dümmer - unaufgeklärter - stellt, als sie sein dürfte, bleibt es vorderhand den Psychologen und anderen Wissenschaftlern überlassen, darauf hinzuweisen, dass es sich bei den Übeltätern nicht um völlig aus der Art geschlagene Monster handelt. "Soldaten müssen darauf vorbereitet werden, dass sie einem mehr oder weniger grausamen Gegner gegenüberstehen. Sie sind in einer großen Angst- und Aggressionsspannung", erklärte der Psychotherapeut Peter Boppel in der Berliner Zeitung: "Die entlädt sich häufig in grausamen Taten."
Ähnlich argumentiert die Potsdamer Rechtswissenschaftlerin Sibylle Tönnies im Tagesspiegel. Die Schädel-Schänder seien "Jungens, die mitten aus einem harmlosen Alltag gerissen und mit der Möglichkeit, töten zu müssen oder selbst getötet zu werden, konfrontiert sind". Die Diskussion sei einigermaßen heuchlerisch. Die Öffentlichkeit verdränge, dass sie sich selbst "in dem heiklen Bereich von Tabu und Frevel bewegt", seit die Bundesrepublik wieder Soldaten ins Ausland schicke, ohne selbst angegriffen worden zu sein.
Aus: "Bundeswehr-Skandal: Einzelfall, Einzelfälle" VON KNUT PRIES (27.10.2006)
Quelle:
http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/hintergrund/?em_cnt=999025&em_cnt_page=1-.-
[...] "Die Menschen haben im Moment andere Sorgen, als wegen dieser Fotos (von Bundeswehrsoldaten) auf die Straße zu gehen", sagt David Jawad Majed, ein Deutschafghane, der als Berater im Außenministerium in Kabul tätig ist. "Sie haben Angst vor Selbstmordattentaten, und dass der Krieg zurückkommt."
Dennoch fürchtet Majed, dass der "Ruf der Bundeswehr" in Afghanistan langfristig Schaden nehmen wird. "Das wird bestimmten Leuten einen weiteren Grund für den Kampf gegen die ausländischen Truppen liefern."
Die Kämpfe im Süden Afghanistans gingen am Wochenende weiter. Bei einem Anschlag auf einen Konvoi der Nato wurde ein Soldat getötet, acht weitere wurden verletzt. Auch drei Zivilisten erlitten Verletzungen. Der Vorfall ereignete sich in der Provinz Urusgan.
Nach Angaben der Nato wurden zudem bei heftigen Gefechten zwischen Einheiten der Allianz und Anhängern der radikalislamischen Taliban 55 Aufständische getötet. Die Kämpfe im Süden Urusgans wurden von Kampfflugzeugen und Hubschraubern unterstützt.
Die Gefechte in Afghanistan in diesem Jahr sind die schlimmsten seit dem Sturz der Taliban im Jahr 2001. Seit Anfang dieses Jahres sind mindestens 3000 Menschen getötet worden. Unter den Toten sind auch Hunderte Zivilisten und etwa 150 ausländische Soldaten.
Aus: "Schädelskandal lässt Afghanen kalt" von Britta Petersen (ftd.de; 30.10.2006; Dschalalabad)
Quelle:
http://www.ftd.de/politik/deutschland/126653.html-.-
[...] "Juristisch gesprochen ist die Heftigkeit der Reaktionen sowohl in den Medien als auch von Seiten der Politik auf diese groben Geschmacklosigkeiten bei weitem überzogen", sagte der der Strafrechtler Reinhard Merkel. Es handele sich um Bagatelldelikte "an der untersten Schwelle dessen, was überhaupt kriminelles Unrecht sein kann".
[...] Aus Sicht von Strafrechtler Merkel handelt es sich bei dem Verhalten der jungen Soldaten, die sich in Afghanistan auf makabre Art mit Schädeln und anderen Skelettteilen hatten fotografieren lassen, um das alterstypische Verhalten Halbstarker, die sich zudem in keiner zivilen sozialen Situation befunden hätten. Nach Paragraf 168 des Strafgesetzbuches könne nur dann von einer Störung der Totenruhe ausgegangen werden, wenn Gräber geöffnet worden seien oder an Leichen beziehungsweise Leichenteilen "beschimpfender Unfug" vollzogen wurde.
Beschimpfungen wiederum seien nur dann möglich, wenn sie sich konkret auf den ehemals lebenden Menschen oder bestimmte Eigenschaften von ihm bezögen. "Kennt der Täter die vormals lebende Person nicht und weiß überhaupt nicht, um wessen Leichnam es da geht, dann ist in aller Regel das Beschimpfende an seiner Aktion ausgeschlossen", sagte Merkel. Übrig bleibe eine grobe Geschmacklosigkeit, die in der Regel kein kriminelles Unrecht darstelle.
Der Strafrechts-Experte räumte ein, dass die Rechtsprechung oft eine andere Ansicht vertrete. Für die Gerichte sei grob geschmackloses Verhalten oftmals ausreichend, um von einer Störung der Totenruhe auszugehen.
Merkel verwies darauf, dass mit Paragraf 168 das Pietätsempfinden der Allgemeinheit geschützt werden solle. Die Soldaten hätten jedoch nicht daran gedacht, dass die Fotos irgendwann mal die deutsche Öffentlichkeit erreichten. Zum anderen solle die Würde des Verstorbenen gewahrt werden. Diese sei jedoch nicht in Gefahr, "wenn man einen völlig anonymen Totenschädel gefunden hat". Die Sexualmotive hingegen sind nach Auffassung des Strafrechtlers sehr wohl hinreichend beschimpfender Unfug. Auf einem der Fotos hatte ein Soldat den Totenschädel an seinen entblößten Penis gehalten.
Aus: "Schädel-Fotos sind juristisch harmlos" (FTD; Reuters; 01.11.2006)
Quelle:
http://www.ftd.de/politik/deutschland/127395.html-.-
[...] ABENDBLATT: Welche Bedeutung hat der Totenschädel grundsätzlich in unserer Kultur?
WOLFGANG SOFSKY: Der Totenschädel ist das Gesicht aller Gesichter. Er zeigt, dass wir alle am Ende gleich sind. Er symbolisiert Tod, Vergänglichkeit und Gefahr.
ABENDBLATT: Was bedeutet es, wenn Soldaten mit einem Totenschädel posieren?
SOFSKY: Soldaten benutzen den Totenschädel häufig als Kriegstrophäe. Sie zeigen damit den Stolz des Überlebenden über den Tod, die Macht des Siegers über den Besiegten. Das ist meist keine Bewältigung eigener Angst, sondern Ausdruck eigener Macht und eigenen Mutes. Wird der Totenkopf als Zeichen auf Uniformen getragen, wie zum Beispiel bei den alten Totenkopfhusaren, den Freikorps oder der SS, soll dadurch auch die eigene Gefährlichkeit demonstriert werden: Wir sind diejenigen, die den Tod bringen.
ABENDBLATT: Die deutschen Soldaten stammen aus einer zivilisierten Welt, sind gut ausgebildet und aufgeklärt. Warum sind diese Bilder trotzdem entstanden?
SOFSKY: Diese Soldaten verhalten sich so, wie sich Krieger immer verhalten haben. Sie machen Mutproben an der Ekel- und Tabugrenze, um ihre Zusammengehörigkeit zu festigen. Auch in modernen Kriegen suchen die Soldaten nach Trophäen. Das war im 2. Weltkrieg so, in Vietnam oder im Algerienkrieg. Oft werden den Toten Körperteile abgeschnitten. Soldaten werden zum Töten ausgebildet. Sie sollen im Krieg Feinde töten. In Deutschland glauben aber viele Menschen, dass Soldaten nichts als uniformierte Sozialarbeiter oder Aufbauhelfer seien.
Aus: "Das Gesicht aller Gesichter" Von Sandra Pabst (28. Oktober 2006; Wolfgang Sofsky ist Soziologe/ Gewaltforscher in Göttingen)
Quelle:
http://www.abendblatt.de/daten/2006/10/28/631139.html-.-
[...] Es kann einen schon anekeln, wie man seit Tagen medial mit den vielen Ekelausrufen penetriert wird, die als Reaktion auf die veröffentlichten “Totenschänder”-Bilder von nahezu allen politischen Würdenträgern ausgestoßen werden.
Die Aufmerksamkeitskanalisierung auf diese Einzelfälle dient dabei vornehmlich dazu, von den eigentlichen Ursachen abzulenken, die solche Bilder hervorbringen:
Eine strukturelle Militarisierung des Politischen, die insbesondere von denen betrieben wird, die am lautesten empört sind, wie beispielsweise die Herren Steinmeier und Jung. Die Bundeswehr als “Bürgerarmee”, deren Existenz auf der freiheitlichen Landesverteidigung beruht, ist vom politischen Feld längst zu einer internationalen Eingreiftruppe umfunktioniert worden, deren Angriffskriege durch ideologische Legitimierungsstrategien gerechtfertigt werden, die aus Bombenabwürfen auf Gebäude und Menschen “humanitäre Interventionen” werden lassen, die das hehre Ziel einer “Enduring Freedom” verfolgen.
Durch diesen medial transportierten pervertierten Humanitäts- und Freiheitsbegriff hat sich weitgehend die von Schröder geforderte “Enttabuisierung des Militärischen” vollzogen, die sich gerade in materieller Form im veröffentlichten “Weißbuch” niedergeschlagen hat. Darin ist der Paradigmenwechsel klar vollzogen: Wenn auch verklausuliert, wird dort die militärische Rohstoffsicherung als legitimes Ziel der deutschen Außenpolitik definiert (Und ausgenommen der “Linken” wird ein parteienübergreifendes “Bravo” ausgerufen, in das auch die Grünen miteinstimmen, die ja auch kräftig Vorarbeit geleistet haben.)
Der “uniformierte Bürger” hat ausgedient, an seine Stelle ist der “archaische Kämpfer” (Heeresinspekteur Hans-Otto Bude) getreten, der politisch zu einem Werkzeug kapitalistischer Interessen gemacht worden ist. Es ist nur eine logische Folge, dass dieser Paradigmenwechsel mehr und mehr in das Bewusstsein der Soldaten eindringt, die sich, wie eine Studie zeigt, immer weniger als “Bürger in Uniform” betrachten.
Angesichts dieser Sachverhalte ist die proklamierte Empörung nicht viel mehr als routinierte und durchsichtige Heuchelei, wie auch Jürgen Rose treffend bemerkt:
Die Frage ist doch: Darf sich die Öffentlichkeit ernsthaft über eine Erosion der Rechtstreue bei einzelnen Staatsbürgern empören, wenn Bundesregierungen seit Jahr und Tag das Grundgesetz missachten und weisungsgebundene Generalbundesanwälte ihnen dabei strafrechtlich den Rücken freihalten?
Selbstredend darf sie das nicht, vielmehr wird hier in absurder und bezeichnender Weise Wirkung und Ursache verkehrt, was einmal mehr die Deformiertheit unseres Medienssystems demonstriert:
Statt die gesellschaftlichen Ursachen der “Schändungen” freizulegen, wird die Schuld in Komplizenschaft mit dem politischen System in der individuellen Verkommenheit der Beteiligten gefunden (Eine bewährte ’systemstützende’ Herrschaftsstrategie, die man generell bei politischen Skandalen - z. B. Abu Ghraib - erkennen kann), und so die Wirklichkeit auf den Kopf gestellt: Es ermöglicht nämlich, dass sich diejenigen Akteure zu moralisch leidenden ‘Opfern’ machen, die die strukturelle Basis für die betreffenden ‘Verfehlungen’ ihrer von ihnen geformten “archaischen Kämpfer” geschaffen haben.
Aus: "Über den militärischen Ekel" Verfasst von Karlstadt | Kategorie: Medien/Politik (29.Okt.2006)
Quelle:
http://denksprit.devcity.de/?p=61-.-
[...] Das entblößte Glied haben ein 20-jähriger ehemaliger Stabsunteroffizier und weitere Kameraden anderen Soldaten gegen den Körper und ins Gesicht geschlagen, wie die Würzburger Mainpost berichtet.
Der 20-Jährige stand jetzt wegen der Vorfälle im Frühjahr 2007 in Bad Kissingen vor Gericht. Vor sich hatte er einen fassungslos wirkenden und verärgerten Richter, der dem Angeklagten und seinen Kameraden "Armut im Geiste" vorwarf.
Mit der "totalen Tristesse", die in der Kaserne herrschte und damit, dass er nicht der einzige war, der das widerliche Ritual pflegte, versuchte sich der Angeklagte zu rechtfertigen. "Wir haben das zum Spaß gemacht", sagte er laut Mainpost vor Gericht aus.
Weniger spaßig war das "Anpimmeln" für die Opfer - wie einer der Geschädigten vor Gericht aussagte: "Mir ging das psychisch sehr an die Substanz." Doch niemand verriet die Täter. Erst als ein Video von dem Ritual auf CD-Rom auftauchte, erfuhren die Vorgesetzten in der Kaserne davon.
Zu 60 Arbeitsstunden wurde der Angeklagte vor Gericht verurteilt, aus dem Wehrdienst ist er unmittlebar nach Bekanntwerden der Vorfälle ausgeschieden.
musterknabe, 01.03.2008
Zitat von maschenbauer:
Also zu meiner Zeit gab's solche schwulen Rituale noch nicht bei der Bundeswehr.
Damals haben sie sich noch mit Wildwest-Spielereien die Langeweile vertrieben!
wie bei "brokeback mountain" ?
Aus: "Ekliges Sex-Ritual in der Kaserne: (AZ). "Anpimmeln" haben Soldaten ein widerliches Ritual genannt, das in einer Kaserne in Franken offenbar üblich war." (01.03.08)
Quelle:
http://www.augsburger-allgemeine.de/Home/Nachrichten/Bayern/Artikel,Widerliches-Sex-Ritual-in-der-Kaserne_arid,1183089_regid,2_puid,2_pageid,4289.html