[...] Die Erinnerungsbilder von den in die Bahnhöfe einrollenden Kriegsheimkehrertransporten und den bewegenden Wiedersehensszenen mit den Angehörigen sind heute fest im kollektiven Gedächtnis verankert. Die früheren Wehrmachtssoldaten sind darin zu – politisch unverfänglichen – Ehemännern, Vätern und Söhnen mutiert, die sich auch in der Öffentlichkeit nicht scheuen, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. In diesen Repräsentationen verkörpern die Heimkehrer eine Männlichkeit, die eine deutliche Abweichung vom aggressiven, „stählernen“ Ideal des nationalsozialistischen Landsers hin zu einer „weicheren“, von militärischen Extremen bereinigten Maskulinität signalisiert.
... Der Schock der totalen Niederlage sollte sich nach dem Krieg relativ rasch verflüchtigen: Im Sog des Wirtschaftswunders und der gesellschaftlichen Stabilisierung kristallisierten sich die Familie und der Arbeitsplatz als neue (alte) Orte heraus, an denen sich die besiegten Männer wieder „männlich“ zeigen konnten und das hegemoniale Männlichkeitsmodell im Stande war, seine, wenn auch nicht mehr unantastbare, Macht gegenüber Frauen und insbesondere gegenüber den alternativen, jugendlichen Männlichkeiten der Nachfolgegeneration von neuem zu entfalten. Der idealtypische Männlichkeitsentwurf des Familienvaters und Versorgers distanzierte die Wehrmachtsveteranen von ihrer militärischen Vergangenheit und lieferte nach den oft niederschmetternden Kriegs- und Heimkehrerfahrungen einen Bezugsrahmen für die Rekonstruktion von Männlichkeit, in dem traditionelle männliche Normen und Wertvorstellungen auf der Basis einer zivilen Maskulinität neu etabliert werden konnten.32 Eine Entwicklung, die auf der biografischen Ebene vor allem in den sozialen Aufstiegserfahrungen der fünfziger und sechziger Jahre greifbar wird, vor denen letztlich auch die individuellen Folgewirkungen von Krieg und Niederlage zu verblassen beginnen.
... Anders als nach dem Ersten Weltkrieg, als die Mythisierung und Heroisierung der Kriegserfahrung einer Radikalisierung militärischer Männlichkeitsideale im Zeitalter des Nationalsozialismus unmittelbar Vorschub geleistet hatte, ließ das Ausmaß des Besiegtseins im Zweiten Weltkrieg und das Gewahrwerden der verbrecherischen Dimension des Krieges im Osten nach 1945 kaum Platz für das Wiederaufflammen kriegerischer Begehrlichkeiten. Auch wenn das kollektive Scheitern der Wehrmachtsgeneration im Krieg, wie die vorläufigen Ergebnisse meiner Dissertation untermauern, im biografischen Aufriss gesehen, weit weniger an der Hegemonialität traditioneller männlicher Identitätsmuster wie Dominanz, Stärke, Durchsetzungskraft oder auch Leistungsfähigkeit geändert hat, als es die Totalität der Niederlage implizieren mag, verlor das Soldatisch-Militärische nach Kriegsende seine Bedeutung als primärer Bezugsrahmen für die Konstruktion von Männlichkeit.
... Dass die im Zweiten Weltkrieg gemachten Erfahrungen ein integraler Bestandteil der männlichen Identitätskonstruktion vieler Angehöriger der Wehrmachtsgeneration geblieben sind, zeigen nicht zuletzt die heftigen Reaktionen der österreichischen und deutschen Kriegsveteranen
auf die so genannte Wehrmachtsausstellung in den 1990er Jahren, die nicht nur den Mythos des „unpolitischen Soldaten“ dekonstruiert, sondern gleichzeitig auch die biografischen Deutungsmuster der militärisch-männlichen Vergangenheit einer ganzen Generation massiv in Frage gestellt hat. Das Erzählen vom Krieg und seinen Folgen von Seiten der ehemaligen Soldaten der Deutschen Wehrmacht ist daher bis zu einem gewissen Grad immer
auch unter dem Aspekt gegenwärtiger Schulddiskurse rund um die Beteiligung „einfacher“ Mannschaftssoldaten am NS-Vernichtungskrieg zu verstehen. Die starke Polarisierung und Emotionalisierung der Wehrmachtsdebatte steht dabei bis heute einer angemessenen Vergangenheitsbewältigung
auf der Zeitzeugenebene, die sowohl Opfer- als auch Täteranteile zur Sprache bringt, entgegen.
Aus: "Tagung AIMGender „Männlichkeit und Emotionen“ - Stuttgart, 9.–11. Dezember 2010: „Ich bin eigentlich nicht als strahlender Sieger nach Hause gekommen“: Zur biografischen Deutung und Bedeutung der Kriegsniederlage in den erzählten Lebensgeschichten ehemaliger österreichischer Wehrmachtssoldaten Michael S. Maier, Wien 2010"
Quelle:
http://www.fk12.tu-dortmund.de/cms/ISO/de/arbeitsbereiche/soziologie_der_geschlechterverhaeltnisse/Medienpool/AIM_Beitraege_siebte_Tagung/Maier__Besiegte_Maennlichkeit.pdf