[...] Guido Knopp nannte sein Zarah-Porträt zu unserem Leidwesen "Hitlers Frauen", und obwohl er die Archive in halb Europa durchsuchen lies, ist ihm kein Bildmaterial in die Hände gefallen, die den Titel der Sendung untermauert. Aber es ist trotzdem ein sehr interessantes Porträt geworden, wie übrigens auch die Sendung "Legenden" in der ARD, dies sage ich nicht nur, da ich auch da beratend mitwirkte, sondern weil alle Aspekte der damaligen Zeit berücksichtigt wurden.
Hinterfragen, eingefahrene Meinungen auch mal in Frage stellen, dies verstehe ich unter wissenschaftlich arbeiten. Es gibt so viele Quellen und Aussagen von Zeitzeugen die belegen, dass die Leander ihrer Karriere wegen und der Menschen die sie hier und auf der halben Welt liebten, bis 1942 in Deutschland arbeitete. Sie leiten daraus die Frage ab, ob sie eventuell doch eine Sympathisantin des Regimes gewesen sei.
[...] Die Schauspiel- und Gesangskunst der Leander wurde auch von Gegnern des Regimes als tröstend empfunden. [...] Trost durch die Leander erfuhr auch der, von den Nazis verjagte Jude, Viktor Klemperer, Professor in Dresden, der über seinen letzten Kinobesuch im Reich in seinen berühmten Tagebüchern am 30. Januar 1938 schreibt: "... gestern die HABANERA mit Zarah Leander gesehen, geradezu erschütternd gut." Zur selben Zeit genießt in Italien, der später berühmte Regisseur Federico Fellini die Stimme der Leander: "Immer, wenn sie sang, bekam ich eine Gänsehaut, sie war die Löwin, von der sich ein Mann gerne auffressen lassen würde" sagte er in einem Interview bei den Berliner-Filmfestspielen 1988.
Diese Anmerkungen musste ich machen, um zu belegen, dass diese Fakten nicht in ein Ausstellungskonzept passen, das die Leander-Karriere bzw. deren Wahrnehmung, auf das Dritte Reich reduzieren will. Die selbstgerechten Nachgeborenen, tragen oft wenig zu einem differenzierten Bild bei, wenn es darum geht darüber nachzudenken, wie unsere Eltern und Großeltern diese leidvolle Zeit überstanden haben.
Zarah Leanders Karriere kann ich nur erklären und begreifen, ich meine im politischen Sinn, indem ich sie nicht auf das damalige Deutschland reduziere, sondern Europa und die Lebenswirklichkeit dieser Zeit versuche zu begreifen. Dabei fallen mir auch immer wieder drei Namen ein: Ingrid Bergman, Gary Cooper und Jean Cocteau. Ingrid Bergman, der neue Star aus Schweden, und spätere Casablanca-Darstellerin, drehte 1938 ihren ersten deutschsprachigen Film für die Ufa in Berlin.
[...] Gary Cooper, Marlene Dietrichs Lieblings-Partner, besuchte 1938 die Ufa-Stadt in Babelsberg. Bei dieser Gelegenheit lernte er auch Zarah Leander kennen, die Bilder von diesem Treffen gingen damals um die halbe Welt. In Frankreich war die Leander besonders populär, wie die vielen Titelbilder belegen und zwar schon ab 1938. In Paris synchronisierte sie ihre Filme, allerdings nur die Gesangspassagen, besang Schallplatten in französischer Sprache, verkehrte in Künstlerkreisen und wurde auch von dem Dichter Jean Cocteau empfangen.
Zarah Leanders Wahrnehmungs-Horizont bewegte sich folge dessen zwischen Berlin, Zürich, Stockholm und Paris. Zwischen ihren Ufa-Kollegen, ihren Pariser-Freunden, Gary Cooper - hier wage ich sogar zu behaupten, sie war länger mit ihm zusammen, als in ihren sechs Berliner Jahren mit Hitler -, die Stockholmer Freunde sollen nicht unterschlagen werden, besonders Karl Gerhard, ein erklärter Hitler-Gegner. In Schweden liefen alle ihre Filme, auch nach Kriegsausbruch, vor ausverkauften Häusern. Das neutrale Schweden hatte ein gutes Verhältnis zum Hitler-Staat, besonders wirtschaftlich. Man war außerdem stolz, nach Greta Garbo wieder eine Landsmännin in einer internationalen Karriere zu sehen.
Die Leser der Schweizer Film-Zeitung wählten die Leander, neben dem Hollywood-Star Tyrone Power, 1940 zum beliebtesten Filmstar.
Und nun frage ich Sie, meine Damen und Herren, muss das nun alles aus pädagogisch-wissenschaftlichen Gründen unterschlagen werden?
[...] Goebbels wollte sie durch die Deutsche Staatsangehörigkeit ans Reich binden, da er ihr ungehindertes Reisen mit Misstrauen beobachtete. In diesen Jahren wurde sie sowohl vom deutschen, schwedischen wie auch vom amerikanischen Geheimdienst überwacht. Dossiers aus der damaligen Zeit tauchen daher immer wieder mal auf, und sorgen für Schlagzeilen. Dadurch kann sie sicher nicht zu einer erklärten Gegnerin der Nazis stilisiert werden, aber eben auch nicht zu einer Sympathisantin. Diese Fülle an Informationen haben sie ganz einfach überfordert, daher haben sie den einfacheren Weg beschritten, den pädagogisch-wissenschaftlichen.
Aus: "Paul Seilers Rede anlässlich der Zarah Leander Ausstellungseröffnung im Filmmuseum Potsdam" (01.05.2004)
Quelle:
http://www.zarah-leander.de/aktuell.htm