[...] Die Politik reagiere nicht hart genug auf Internetpiraterie, begründete Dieter Gorny, Geschäftsführer des Bundesverbands der Musikindustrie, die Absage der Branchenmesse Popkomm in Berlin und sorgte allseits für Kopfschütteln. Mark Chung vom Verband Unabhängiger Tonträgerunternehmen, der die Indie-Label vertritt, sagt: „Starke Vereinfachungen helfen niemandem.“
Das Internet ist nämlich nicht der Feind der Musik. Es ist nur der Feind der Tonträgerindustrie. Nach Wachswalze, Schallplatte, Magnetband und CD hat sich Musik vom physischen Träger gelöst und lässt sich mit geringem Aufwand beliebig oft kopieren. Legale Musikdownloads machen zwar in Deutschland noch nicht 39 Prozent des Marktes aus wie in den USA; doch sind die Erlöse im ersten Quartal dieses Jahres wieder um 16 Prozent gestiegen. Bei allen Debatten um illegale Downloads geht es nicht um einen Konflikt zwischen Künstlern und Publikum, wie die Industrie ihn seit Jahren lautstark inszeniert. Deren Interessen lassen sich im Netz wunderbar vereinen.
Niemand führt die neuen Verhältnisse gerade selbstbewusster vor als die Amerikanerin Amanda Palmer, Sängerin des Cabaret-Rockduos Dresden Dolls. Will Amanda Palmer ihr Publikum mobilisieren, braucht sie kein PR-Büro und keine Konzertagentur. Über Twitter lädt sie zu Strandkonzerten mit Gruppenfoto oder zur Spontanparty in einer Stripbar. Einen Pressetermin in einem leeren Kaufhaus verwandelte sie in ein Gratiskonzert für 350 Fans. An einem Freitagabend im Mai entstand bei einem Massenchat ein T-Shirt-Spruch. Palmer gestaltete direkt am Laptop die Druckvorlage, ein Freund setzte einen kleinen Online-Shop auf. Am Ende der Nacht waren 200 T-Shirts verkauft. Am Tag darauf weitere 200. In ihrem Blog zog die Sängerin Bilanz: „Einnahmen durch Twitter in zwei Stunden: 11 000 Dollar. Einnahmen durch mein Major-Soloalbum dieses Jahr: 0 Dollar.“ So klingt die Verzückung einer Künstlerin, die ihre Macht entdeckt – und vorführt, dass die Zeiten, in denen sich Künstler von Managern sagen lassen mussten, wo es langgeht, endgültig vorbei sind.
Im Prinzip lassen sich heute alle Aufgaben einer Plattenfirma – Aufnahme, Design, Booking, Buchhaltung – selbst erledigen oder an Freunde delegieren; während Fans in Netzwerken wie last.fm durch automatische Empfehlungen via Geschmacksprofil für Werbung sorgen oder über Fundraising-Foren gleich in die Rolle des Investors schlüpfen und Geld für Produktionen vorstrecken. Zuletzt sammelte Patrick Wolf das Geld für sein viertes Studioalbum über die Website Bandstocks. Auch die Kölner Band Angelika Express finanzierte ihr letztes Album mittels „Angelika Aktien“ im Wert von 50 Euro, 80 Prozent der Einnahmen sollten zurück an die Fans fließen.
Es streckt ohnehin kaum noch ein Label Geld für Studioaufenthalt und Produktionskosten vor. Lieber kauft man fertige Bänder. Die vier verbliebenen Riesen Sony, Universal, EMI und Warner sehen ihre Zukunft im Lizenzhandel für Mode, Werbung, Filme und Computerspiele. Sogenannte 360-Grad-Verträge sichern das Mitverdienen an allen Aktivitäten der Künstler, vor allem an den Konzerteinnahmen. Auch Bertelsmann spielt, nachdem sich der Konzern 2008 von Sony gelöst hatte, jetzt mit BMG Rights Management wieder auf dem brummenden Rechtemarkt mit. Das Geschäft der erhabenen Alten: die Nachlassverwaltung.
So sind neue Künstler weitgehend sich selbst überlassen. Es schießen Kleinstlabels aus dem Boden, die oft nicht mehr veröffentlichen als die Musik ihrer Gründer. Der Berliner Pressungsdienstleister Handle With Care kann sich vor Aufträgen kaum retten – er hat sich auf Kleinstauflagen unter 1000 spezialisiert.
[....] Das meistverkaufte Mp3-Album 2008 bei Amazon war „Ghosts“ von Nine Inch Nails – obwohl zuvor mit CC-Lizenz veröffentlicht. In Deutschland könnten mehr Künstler diesen Weg gehen, würde die GEMA hierfür Tantiemen einführen – nur ein Beispiel, wie ausbleibende politische Weichenstellungen die neuen Möglichkeiten behindern.
Dass das Internet alles von selbst regle, erweist sich ebenso als Aberglaube wie die Hoffnung, es ließe sich beliebig regulieren. Die schönen Erfolgsbeispiele zeigen bislang vor allem, wie es gehen könnte – aber leider noch viel zu selten geht. Für Stars ist es leicht, in den neuen Kanälen gut auszusehen. Die große Frage ist, wie neue Künstler ihr Publikum finden. Hier sieht Indie-Vertreter Mark Chung derzeit schwarz: „Die neuen unter den fünf Millionen Künstlern, die ihre Myspace-Seiten eingerichtet haben, merken schnell, dass es niemanden gibt, der in sie investiert.“
Die gute Nachricht: Künstler dürfen in Zukunft wesentlich größere Stücke des Kuchens beanspruchen. Die schlechte: Der Kuchen ist alleine schwer zu backen. Andreas Gebhard von der Agentur „newthinking communications“ sieht hier einen wachsenden Markt für Beratungs- und Software-Dienstleistungen. Auch der Staat wäre gefragt, seine „Initiative Musik“ auszubauen. Was infrastrukturelle Förderung bringen kann, zeigt das Popmusterland Schweden.
Die Industrie bezichtigt die Internetpiraten gerne des Raubbaus. Eine pikante Vereinfachung, denn nichts verschwindet, wenn man eine Datei kopiert, im Gegenteil: Hinterher hat man zwei. Doch dafür waren die alten Vertriebsstrukturen nicht gemacht. Neue bilden sich erst aus. Es geht um nicht weniger als die Frage, wie die Gesellschaft in Zukunft ihre Künstler entlohnt und ihre kulturelle Erneuerung sichert. „Die Trias aus Schöpfern, Interpreten und Hörern driftet auseinander“, beklagt Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrats. „Jeder verfolgt seine Interessen, anstatt einen gemeinsamen Lösungsweg zu suchen.“
Auf der einen Seite steht eine Industrie, die ihre Gewinne am liebsten eins zu eins ins neue Medium hinüberretten würde; auf der anderen Seite eine große Hörerschaft, die nicht einsieht, warum sie für ein unbegrenzt kopierbares Datenbündel noch immer 10 Euro zahlen soll. Und dazwischen die Künstler, auf sich selbst gestellt und ohne eigene Interessenvertretung, in der nicht auch die Verwerter mitsprechen würden. Ein Zusammenschluss der Urheber ist eine der Chancen, die in einem öffentlich organisierten Vergütungssystem wie der Kulturflatrate liegen. Es könnte erstmals eine exakte Abrechnung zwischen Künstler und Hörer schaffen und die Tauschbörsennutzer an die Kasse holen. Industrie und CDU würden die Piraten lieber gleich vom Internet trennen. Legalisierung oder Sanktionen – eine Frage für die nächste Legislaturperiode.
Die Musikkonzerne verlieren den Anschluss an die Diskussion.
[...] Zehn Jahre ist es her, dass die erste Tauschbörsensoftware Napster das Ende der CD einläutete. Inzwischen sitzt der erste Internetpirat im Europaparlament. Kulturpiraten, argumentiert der Musikjournalist Matt Mason in seinem gratis im Netz veröffentlichten Buch „The Pirate’s Dilemma“, sind nicht der Feind. Sie erfinden neue Stile, Technologien und Geschäftsmodelle. Ohne ihre Innovationen wäre die heutige Kulturindustrie nicht denkbar.
...
von gieslinder gieslinder ist gerade offline | 27.7.2009 11:15 Uhr
Ein Tag in der Kulturredaktion...
...das muß schon toll sein : Fern jeder Realität, schreibt man
sich das Leben schön.
Hier der gute Künstler, dort die fiese Industrie. Allerdings
frage ich mich, warum Künstler immer noch bei der bösen Industrie
ihre Platten rausbringen und vor allem : warum fast alle bei der
Gema sind ? Das ist für mich ein Widerspruch ! Wenn's doch alles
umsonst sein soll, dann muß doch keiner mehr die Urheberrechte
schützen lassen, wie es die Gema tut.
Aber ich kann es mir schon denken : Als Künstler und mit ihm, die
Verbündeten im Feuilleton, stehen doch lieber auf der Seite des Guten, Schönen und Wahren. Fürs harte, böse Geschäft sind dann
die Manager und eben die fiese Plattenindustrie da. So kann man
sich auch in die Tasche lügen.
Comment
von dondoof dondoof ist gerade offline | 28.7.2009 21:45 Uhr
dankedankedanke.
danke für diesen wunderbaren text und das hervorragende beispiel amanda palmer. allein schon, weil sich in den kommentaren zeigt, welche abstrusen bilder von gebilden wie "der konsument", "der künstler", "die industrie" und nicht zuletzt "die gema" existieren. fakten sind:
- die gema erstickt in einem ewig gestrigen haufen papierkram, der für die rechteverwertung "kleiner" künstler kaum förderlich ist. sie ist und bleibt verwerter, nicht etwa (wie so oft falsch verstanden) schützer im sinne des urheberrechts. sie verfolgt zudem ein tantiemen-modell, das weder zeitgemäß noch international gängig sein dürfte. in den usa ist es beispielsweise möglich, einzelne stücke aus dem katalog zu entfernen. das geht in de nicht. fazit: bist du drin, ist alles drin, was du geschrieben hast. und stellt alice cooper "i'm 18" für die nutzung in onlinesendern frei, gilt das in deutschland NICHT, weil die gema hier nach ihrem system tantiemen eintreibt. das nur mal als beispiel. somit ist es im übrigen auch nicht möglich, gema-mitglied zu werden, sofern man auch nur EINEN EINZIGEN SONG unter cc veröffentlicht hat. klar, oder? doof, oder?
- künstler, die sich selbst vermarkten, haben den entscheidenden vorteil, nicht mehr am ende der nahrungskette zu sitzen. das bringt viele vorteile. vielleicht nur regional - aber was soll's denn? ich persönlich höre einige bands aus aller welt, die ich ohne diese art von vermarktung kaum kennengelernt hätte. und ich habe einige alben in alle welt verkauft, weil ich mich selbst vermarktet habe. geht alles. natürlich sind es in erster linie exzentrische, zeigegeile menschen, die das am besten können. künstler eben. davon reden doch alle. das ist der preis für die fehlende retorte. man werfe auch einen blick auf jack conte, der mit seinen youtube-mashups gutes geld über downloads verdient.
- es zeigt sich hier auch, dass viele leute eben in megastar-kategorien denken. die frage ist doch eher: wer braucht das denn noch?
viele grüße.
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von jeffrowland jeffrowland ist gerade offline | 27.7.2009 12:53 Uhr
Kein Naturgesetz
vielleicht sollte man grundsätzlich das Modell des Geldverdienens via Tonträger hinterfragen. Schließlich gibt es kein Naturgesetzt, das besagt, dass der Verkauf von Tonträgern den Lebensunterhalt sichert. Ich denke, hier wird ein Geschäftsmodell, das primär für den Pop-und Rockbereich funktioniert hat, stark verallgemeinert. Für klassische Musiker ist dies allenfalls ein Zubrot und Werbung für Liveauftritte, auch im Jazzbereich dürfte auch schon der bisherige Umsatz kaum für den Lebensunterhalt gesorgt haben. Wenn man etwa mal die Anzahl der in der Jazzthing alle zwei Monate besprochenen und beworbenen neuen CDs anschaut und sich dazu mal die Größe des Nischenpublikums für New Jazz vor Augen führt, wird sehr schnell zu dem Schluss gelangen, dass mit diesen Tonträgern keineswegs das große Geld verdient werden kann.
Die Interessen des Publikums wandeln sich, nicht umsonst wird Madonna ihren neuen Vertrag mit einer Vermarktungsfirma für Liveauftritte geschlossen haben
Wenn man jetzt ganz böse wäre, könnte man vielleicht sogar behaupten, das 'richtige' Musiker, die schon immer ihr Geld mit Liveauftritten und Unterrichten verdient haben, das Ganze auch etwas entspannter sehen, als Stars und deren 'Rechte'-Vermarkter...
von e.elsolami e.elsolami ist gerade offline | 27.7.2009 13:44 Uhr
Payola
[...] Die sog. Formatradios sind für nichts nichts anderes da als das befohlene Abdudeln immer gleicher Musik. Und wer in diesem Forum die GEMA so hoch lobt, sollte sich vergegenwärtigen, daß diese in der Hand der Industrien ist. Nicht umsonst sollen die jüngsten Statutänderungen vor allem den Künstlern, die bei den Majors unter Vertrag sind, den Löwenanteil der Erlöse sichern, die durch eine schamlose Erhöhung der Gebühren für Veranstalter eingetrieben werden. Nein, die Musik spielt inzwischen woanders. Nur haben es deutsche Politiker und die Plattenindustrie noch nicht gemerkt. Und Veranstaltungen wie die Popkomm sind wirklich verzichtbar.