[...] Im Jahr 1880 veröffentlichte Papst Leo XIII. seine Enzyklika „Arcanum divinae sapientiae“. Darin ging es um das Sakrament der Ehe, den „geheimnisvollen Ratschluss der göttlichen Weisheit“, aus dem sich, fand der Papst, die weltliche Macht herauszuhalten habe. Leo XIII. focht damals mit Preußens Bismarck einen Kulturkampf um die Grenzen ihrer wechselseitigen Zuständigkeit aus. Der Papst unterlag, der Staat obsiegte. Er war in das Arcanum der Kirche eingedrungen, und sie hatte dem nichts entgegenzusetzen. Möglich, dass wir gerade den Beginn eines neuen Kulturkampfes erleben. Diesmal ist es der Staat, der sein Inneres verteidigt. Gegen den Eindringling, der niemand anderes ist als der Bürger selbst.
So wie weiland die Kirche eines ihrer heiligen Sakramente verletzt sah, eines ihrer Mysterien, sieht nun der Staat eins der seinen verletzt: das Mysterium der diplomatischen Vertraulichkeit. Die Macht des Staates liegt in solchen Mysterien. Sie zu durchbrechen heißt ihn zu schwächen. Das haben die konservativen Kritiker, die jetzt „Hochverrat“ schreien, richtig erkannt. Aber sie kommen zu spät. Gottfried Benn wusste: „Wer Synthese sagt, ist schon gebrochen.“ Wenn die Unverletzlichkeit des Staates solcher Verteidigung bedarf, dann ist seine Schädigung bereits unabweisbar. Bemerkenswert sind ja nicht die Details der Veröffentlichung – soweit man bislang sehen kann, sind die meisten skurril, einige beunruhigend, keine umwälzend – bemerkenswert ist die Veröffentlichung selbst.
Das Internet ermöglicht Offenheit und Klarheit, wo vorher Herrschaft und Kontrolle gewaltet haben. Das ist, weit über den Fall der State Department Files hinaus, eine Chance für die Bürger, für die Demokratie und auch für den Staat. Verheerend ist es nur für solche Herrschaft, die auf dem Geheimnis gründet oder auf der Angst. Information ist nicht immer das Gegenteil von Angst. Denn Wissen kann beunruhigen. Aber darin liegt eine Aufforderung zur Übernahme von Verantwortung. Desinformation dagegen ist immer der Feind der Freiheit. Diese Aufforderung richtet sich an die Bürger selbst, denen das Netz ein Mittel an die Hand gibt, ein bisschen Unabhängigkeit zu gewinnen gegenüber ihren Journalisten und ihren Politikern.
Denn die wirklich beunruhigende Dimension dieses Datenskandals ist doch der Gestus der Unterwerfung, der allerorten sichtbar wird, bei den Medien und bei der Politik. Die Bereitwilligkeit, mit der deutsche Politiker ihren amerikanischen „Freunden“ aus dem Nähkästchen erzählen, ist beschämend. Der Fall des FDP-Spitzels, der aus den Koalitionsverhandlungen berichtet hat, ist nur der Gipfel dessen, was der frühere US-Botschafter John Kornblum mit einiger Chuzpe so formulierte: „Ein Grund, warum ein Diplomat sehr gerne in Deutschland arbeitet, ist, dass die Deutschen sehr gesprächig sind. Man kann wirklich alles erfahren, was man will. Man braucht nur ein bisschen freundlich zu sein.“ Was hat denn ein amerikanischer Diplomat einem deutschen Politiker zu bieten? Wirkt da die Faszination der Nähe zum imperialen Zentrum westlicher Macht?
Und warum reagieren so viele Journalisten so mürrisch auf die Wikileaks-Veröffentlichungen? Es wäre „am Ende das beste gewesen, die Datenflut wäre nie aus den Computern gequollen“ hat die Süddeutsche Zeitung geschrieben. Die Bild war der Meinung, Verantwortung sei den „Online-Anarchos“ ein Fremdwort: „Sie handeln schlicht kriminell.“ Und Zeit-Herausgeber Josef Joffe wünscht sich „keinen Ein-Mann-Rächer, der nach eigenem Geschmack entscheidet, was zu veröffentlichen sei. Dafür haben wir Parlamente und Gerichte, also den Rechtsstaat.“
Normalerweise rechtfertigen staatliche Stellen mit solchen Worten die Knebelung der Presse. Es ist ernüchternd, sie von Journalisten zu hören. Das embedding, das als kluge PR-Strategie der amerikanischen Armee im Irak-Krieg begann, ist hier weit gediehen. Ein Journalist, der die Wikileaks-Daten zuerst unter dem Gesichtspunkt der nationalen, oder – schlimmer noch – westlichen Sicherheit sieht, hat sich selbst erfolgreich zu Bett gebracht – und die Pressefreiheit gleich mit.
Nur zur Erinnerung: Die Folter in Abu Ghraib, das Waterboarding in den CIA-Gefängnissen, das Niedermähen unbewaffneter Zivilisten in Afghanistan – all das, was die USA in gefährliche Nähe zu den Unrechtsregimen im Nahen Osten, zu China und zur untergegangenen Sowjetunion gebracht hat, ist eben nicht durch „Parlamente und Gerichte“ an den Tag gekommen, sondern durch die Zusammenarbeit neuer und klassischer Medien. Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr solcher Veröffentlichungen: Hätte Wikileaks rechtzeitig die Lügen des Pentagon über die vermeintliche Bedrohung aufgedeckt, die Saddam Hussein darstellte – der Irak Krieg mit seinen zahllosen Toten hätte nicht geführt werden können.
Wir haben weiß Gott wenig Grund, unseren Politikern zu trauen. Und es gibt – von der vergleichweisen Lappalie des Stuttgarter Hauptbahnhofs bis hin zur welterschütternden Datenflut aus dem State Department – eine Reihe von Hinweisen dafür, dass die Bürger buchstäblich nicht mehr bereit sind, alles mitzumachen. Sie wissen längst, dass im Arcanum staatlicher Hoheit keine höhere Weisheit am Wirken ist, sondern nur menschliches (Mittel)Maß, und jetzt fordern sie Akteneinsicht. Gut so.
Bildungswirt schrieb am 03.12.2010 um 14:16
Warum "wir Untertanen"? Knechte, die die Herr-Knecht-Dialektik anerkennen? Der selbstaufgeklärte Bürger ist das Gegenstück, viele Wikileaks werden folgen, das Netz stellt technologisch diese Potenz zur Verfügung.
In Deutschland steckt ein gewaltfreier heiterer Anarchismus noch in den Kinderschuhen, deshalb wird es mit dem "kommenden Aufstand" noch etwas dauern.
Gruß BW
B.V. schrieb am 03.12.2010 um 14:23
Wir werden gerade Zeuge einer Veränderung, im politischen Raum und in dem der Medien. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen und es ist auch ein Kampf um Macht. So richtig das alles ist, was J. A. hier schreibt, aber der Ausgang bleibt offen.
MeisterderO schrieb am 03.12.2010 um 14:46
Lieber Jakob Augstein,
was mir zunächst auffiel war, dass Sie sich hintergründig-süffisant mit Ihrem Titel auf Heinrich Mann's Roman "Wir Untertanen" beziehen.
Heinrich und Thomas Mann, obwohl beide aus einem großbürgerlichen Elternhaus stammten, waren, soweit mir bekannt, zeitlebens engagierte Verfechter der Demokratie und der Meinungsfreiheit.
Sie haben es in Ihrem Artikel gut auf den Punkt gebracht.
Die Frage stelle ich mir nämlich auch: Warum schreibt ein Teil der Journaille gegen die eigenen Interessen an?
Futterneid? Angst vor den Zeitungsverlegern? Sorge, dass das Internet die Printpresse zerstören könnte? Furcht vor neuen Wegen?
Wer unseren Politikern noch glaubt, muss naiv oder Masochist sein. Wahlversprechen der Parteien haben mittlerweile eine Halbwertzeit im Verfall, vom Drucken der Aussage bis zum Trocknen der Druckfarbe.
Man sollte alle Parteien unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stellen.
Und besonders unsere Regierung!
Unsere Verfassung ist so oft durch Parteien und Regierungen gebrochen worden, durch Bundestags- und Regierungsbeschlüsse, was zahlreiche Urteile des Bundesverfassungsgerichts gegen sie belegen, dass ich mir wirklich mittlerweile die Frage stelle:
Wer sind hier in Deutschland eigentlich die Verfassungsfeinde?
Und dass diesen Leuten Wikileaks und das Internet mit seinen ganz neuen Möglichkeiten einer offenen und direkten Demokratie nicht passt, wundert mich in keinster Weise.
Diese Leute, auch wenn sie es nicht so direkt sagen würden, hätten am Liebsten brave "Untertanen" und verfluchen das Internet, weil sie genau wissen, dagegen kommen sie nicht mehr an.
Man muss sich nur mal die Homepages deutscher Politiker anschauen.
Die wenigsten haben eine Kommentarfunktion und schon garnicht die Möglichkeit zu einer offenen Diskussion, wie lobenswerterweise z.B. "derFreitag".
Wer lieber im Dunkeln mauschelt, mag das grelle Licht der Öffentlichkeit eben nicht.
Danke für Ihren wirklich guten Artikel, lieber Herr Augstein, Sie sind für mich ein Beispiel, wie Presse eigentlich arbeiten sollte.
Daher herzliche Grüße,
Ihr treuer Leser Dieter Carstensen
Trundil schrieb am 03.12.2010 um 17:20
Bitte mehr von solchen Artikeln, auch in anderen Medien! Ich hab den Kampagnen-, Ablenkungs- und Verdummungsjournalismus eben so satt wie die Hofberichterstattung!!!
...
Erich Gengerke schrieb am 03.12.2010 um 18:52
>>Und Zeit-Herausgeber Josef Joffe wünscht sich „keinen Ein-Mann-Rächer, der nach eigenem Geschmack entscheidet, was zu veröffentlichen sei. Dafür haben wir Parlamente und Gerichte, also den Rechtsstaat.“<<
Im Interesse der Transatlantiker und Bilderberger hat das Mitglied des Aspen-Institutes Josef Joffe möglicherweise ein recht eigenwilliges journalistisches Selbstverständnis.
www.radio-utopie.de/2008/10/24/die-bankrotterklaerung-des-kriegstreibers-josef-joffe-kam-per-dpa/
Columbus schrieb am 04.12.2010 um 22:41
Gut gebrüllt, Herr Gengerke,
Die Augabe unserer Gerichte und Parlamente ist nämlich nur dann erfüllt, wenn sie die Presse- und Informationsfreiheit schützen und nicht wenn sie bestimmen, was in der Presse und in den Medien zu erscheinen hat. Herr Joffe hält sich jedoch schon lange für jemanden, der nicht nur Pressearbeit macht, daher kommt diese, milde gesprochen, verklemmte Haltung.
Übrigens bin ich zu 100% überzeugt, dass Herr Joffe niemals in den letzten, gefühlt einhundert Jahren fleißiger Produktion auch nur einmal ein Argument in der Redaktionskonferenz angenommen hätte, bei dem es um die Rückstellung oder das grundlegende Redigat seiner, oft doch sehr einseitigen Artikel gegangen wäre.
Schade eigentlich, für jemanden, der Amerika so liebt und doch gerade beim Guardian und bei der NYTimes die Vorbilder finden könnte. Sitzen da überall Ein-Mann-Rächer, oder ist nicht vielmehr Herrn Joffes Text als Halali zu einem Rachefeldzug zu verstehen? Er erteilt den Staatsanwälten, dem Rechtstaat, die Qualitäts-Presseerlaubnis: "Geht vor, wir haken das ab, wir assistieren, denn ihr entscheidet was veröffentlicht werden darf und wir finden das gut so." - Im zitierten Joffe-Satz steckt die Drohung.
Liebe Grüße
Christoph Leusch
Fro schrieb am 03.12.2010 um 19:34
M.E. müsste die Transparenz der Politik, als Voraussetzung einer funktionierenden Demokratie, zum allgemeinen Thema werden. ...
[ comments 1 ]
Joachim Petrick schrieb am 03.12.2010 um 21:39
Hat das ganze Wikileaken nicht mehr mit der Spiegel Affäre 1962, die eine Adenauer/Strauss Affäre war,zu tun, als mit dem Bismarckschen Kulturkampf gegen Bestrebungen und klerikal säkularen Tendenzen des Papstes im Vatikan?
Trotzdem auf jeden Fall ein interessant historischer Zugang zu dem Thema Wikileak.
siehe dazu:
03.12.2010 | 21:31
Wikileak Mausklick, schon ist die US- Good Fellow Aura futsch?
Wikileak oder der verdeckte Angriff auf den globalen Nachrichtenmarkt zur Abschaltung ganzer Armadas von bisherigen Akteuren/innen bestimmter nachrichtendienstlich diplomatischer Kaderschmieden, samt Verbindungspersonalbestand?
www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/wikileak-mausklick-schon-ist-die-us--good-fellow-aura-futsch?
Joachim Petrick schrieb am 03.12.2010 um 21:45
Bismarcks Kulturkampf
de.wikipedia.org/wiki/Kulturkampf
[ comments 3 ]
Magda schrieb am 04.12.2010 um 10:56
Sehr schön tobt sich der Nationalsender DeutschlandradioKultur aus:
Zwei Links dazu: www.dradio.de/dkultur/sendungen/kommentar/1330852/
Deutschlandfunk-Chefredakteur spricht vom pompös inszenierten Datendurchfall.
Oder: Rainer Burchardt meint unter dem Titel: "Emsige Depechen" (lustig, lustig)
www.dradio.de/dkultur/sendungen/kommentar/1334225/
"Mit anderen Worten: Mit dem digitalen Zeitalter ist die Ära der Geheimdiplomatie mit einem Aplomb beendet worden. Überspitzt ließe sich formulieren: Metternich war vorgestern, Al Kaida gestern. Zu den altmodischen, nicht minder bedrohlichen Gefährdungen kommen jetzt eben die digitalen, kaum kontrollierbaren und schon gar nicht zu verhindernden Enthüllungen hinzu. Naive nennen dies eine demokratische Transparenz."
Herrlich, wie der Leute zu Naivlingen stilisiert, die das journalistische Aufbläen und Gatekeepertum nicht so heiß finden wie er.
Virulente Frage bleibt: Was wird aus dem Journalismus unter diesen Bedingungen. Statt rumzuräsonieren und sich in Machtnähe und auf talkshow-Sesseln zu räkeln, sollten die mal neu nachdenken.
...
renee schrieb am 04.12.2010 um 11:48
Toller Artikel, der meine Auffassung der Geschichte wunderbar wiedergibt. Vor allem beleuchtet Augstein die dubiose Haltung der deutschen Medien mit dem richtigen Licht deutlicher Worte. Vielen Dank dafür. Grüße Reneè
carlos2 schrieb am 04.12.2010 um 15:25
Ich bedanke mich für diesen Artikel, Herr Augstein - ein Lichtblick im konformen Jounalismus dieser Tage, besonders im Umgang mit WL (was ist nur aus der Zeit/Süddeutschen geworden). Gut, dass es den freitag gibt. Danke. Habe gerade ein Abo bestellt. Gruss, carlos2
general ludd schrieb am 04.12.2010 um 18:33
ich möchte mich eigentlich auch nur bedanken für diesen artikel! endlich reflektiert mal einer, dass es nicht um die konkrete peinlichkeit westerwelles oder dergleichen geht, sondern um eine tiefgreifende veränderung der gesellschaft, die sich hier bahn bricht, und die niederzuschlagen die mächtigen einige sympathien kosten wird, falls man das so noch sagen kann.
Uwe Theel schrieb am 04.12.2010 um 18:41
Wer hören möchte, wie die bürgerliche Presse Stellung nimmt - um nicht zu sagen aufheult - gegen das "eigentliche" Verbrechen von WikiLeaks (=Julian Assange) der gehe beim Bayerischen Rundfunk BR2 (Hörfunk) auf die Webseite:
www.br-online.de/bayern2/jazz-und-politik/wikileaks-diplomatie-internet-ID1291045611199.xml
Und lese dort nach, höre die "Kommentare"
# "Wiki, was? W-Prinzip und öffentliches Interesse. Eine Erfolgsgeschichte (Anke Mai)
# Es war einmal: Die vierte Macht im Staate oder der investigative Journalismus (Ingo Lierheimer)
# Brauchen wir Geheimnisse? Manches bleibt aus gutem Grund verborgen (Ralf Borchard)
# Rechtsstaat, Enthüllung, Diplomatie. Drei Sphären & die Grenzen der Transparenz (Wolfram Schrag)
# Amtsanmaßung, Machtmissbrauch, Geschwätz? Kritik der Denunziation (Wilhelm Warning)
# Horch und Guck – Wikistasi oder was? Eine Glosse (Lutz Rathenow)
die dort in der Sendung Jazz & Politik vom 04.12.2010 17:05-18:00 verbreitet wurden, "um die ordnung wieder herzustellen".
Nicht ganz nebenbei: Dass ein Bundesobergericht gerade festgestellt hat, dass Daten von Steuerhinterziehern, die durch Datenklau auf "ominöse" CDs gelangt sind und dem Staat dann "unrechtmäßig" zu Verkauf angeboten werden, aber doch von diesem Staat "rechtmäßig" angekauft und verwendet werden dürfen, mutet hier so putzig, wie entlarvend an.
s.: www.focus.de/politik/deutschland/urteile-karlsruhe-erlaubt-nutzung-von-steuer-cds_aid_577068.html
donda schrieb am 05.12.2010 um 18:42
Vielen Dank für diesen Kommentar. Nach dem entnervenden flächendeckenden Genörgel der letzten Tage, dem Nachplappern dummer Vorwürfe an die Adresse von Wikileaks und Herrn Assange allerorten, ist es erfrischend mal was Vernünftiges in einem "klassischen" Medium zu lesen. Sie nennen es "embedded", ich würde den Zustand des Journalismus hierzulande (und vermutlich global) eher als verantwortungslos und korrupt bezeichnen. ...
gweberbv schrieb am 05.12.2010 um 21:29
Eine Frage an alle WL-Enthusiasten:
Kann die aktuelle Veröffentlichungspolitik von WL als allgemeines Prinzip wünschbar sein? Wie sollen Regierungen, Unternehmen oder andere größere Institutionen funktionieren, wenn deren Interna jederzeit in die Öffentlichkeit gelangen können?
Meines Erachtens entscheidet die Dosis der "Leaks" darüber, ob solche Durchstechereien für die Gesellschaft nützlich oder schädlich sind.
Rapanui schrieb am 05.12.2010 um 21:58
@ gweberbv schrieb am 05.12.2010 um 21:29
>>>Kann die aktuelle Veröffentlichungspolitik von WL als allgemeines Prinzip wünschbar sein?<<<
Ja, so sollte über wichtige gesellschaftlichen Fragen kommuniziert werden. Wenn US-Diplomaten UNO-Spitzenpersonal bespitzeln, dann muss das veröffentlicht werden.
Sie nennen private und öffentliche Insitutionen in einem Satz. Zu den privaten will ich mich nicht äußern. Selbstverständlich aber gehören öffentliche Angelegenheiten in die Öffentlichkeit.
Unter den gegenwärtigen Umständen mag so etwas als fahrlässig erscheinen - man kann sich genug Beispiele katastrophaler Wirkungen von Indiskretionen vorstellen - insgesamt scheint mir aber dieses Prinzip würde die Funktion öffentlicher Institutionen nachhaltig verändern - Innenpolitisch und vor allem außenpolitisch.
Es gibt Geheimnisse aus Takt, Rücksicht, Verletzbarkeit - hier gilt es natürlich sensibel zu sein. Aber das worüber wir hier diskutieren sind Geheimnisse, die aus Macht- und Herrschaftsgründen geschaffen und gewahrt wurden. Diese aufgedeckt zu haben ist die Leistung von WikiLeaks.
Die Journaille arbeitet doch genau anders herum, sie füttert das Publikum mit nun wirklich persönlichen Geheimnissen (Hochzeiten, Krankheiten, Sexualität), verdirbt das Empfinden der Menschen und hütet gemeinsam mit den Kumpanen in der Politik die Geheimnisse um die dreckigsten und widerlichsten Machenschaften.
agathon schrieb am 05.12.2010 um 22:13
Hervorragend, Herr Augstein, Sie haben mit ihrem Artikel den Nerv der Zeit getroffen; seltsamerweise haben "Parlamente und Gerichte" erstaunlich wenig getan, wenn es darum geht Unrecht, das von Regimen verursacht wird, effektiv zu bekämpfen. Unbegreiflich ist es auch, weshalb - wie jetzt im Falle WikiLeaks - namenhafte Journalisten äußerst zurückhaltend sind, wo sie doch dankbar sein müssten, dass so viele Informationen zur Verfügung stehen, um das Puzzle der Vergangenheit zu vervollständigen. Was früher nur vermutet wurde oder in Ansätzen bekannt war, kann jetzt schwarz auf weiß nachgelesen werden.
Mag sein, dass kurzfristig für bestimmte Parteien oder Personen ein geringer Schaden entsteht, doch groß und langfristig wäre der Schaden, wenn die Informationen für immer im Dunkeln blieben.
Vielleicht werden so künftige Kriege verhindert....