[...] Der existentialistische Humanismus Jean-Paul Sartres betont die Eigenverantwortlichkeit des Menschen. Danach ist der Existentialismus „eine Lehre der Tat“. Grundlegend hierzu war der 1945 veröffentlichte Essay L'existentialisme est un humanisme. Sartre entwarf einen Humanismus im Gewand der Moderne: Die Existenz geht der Essenz voraus. Der Mensch tritt in die Welt ein und erst dann entwirft bzw. erfindet er sich selbst. Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich in seiner totalen Freiheit macht. Deshalb ist er auch für das, was er ist, verantwortlich. Dies verleiht ihm seine Würde. Das Leben hat a priori keinen Sinn. Der Mensch wählt sich seine Moral, sie ist seine Schöpfung und Erfindung. Mit sich selbst erschafft der Mensch ein Vorbild. Der Mensch ist nichts anderes als sein Leben. Er ist die Summe seiner Handlungen, seiner Beziehungen und Unternehmungen. Er existiert nur in dem Maße, in dem er sich selbst verwirklicht.
„Es gibt kein anderes Universum als ein menschliches, das Universum der menschlichen Subjektivität. Diese Verbindung von den Menschen ausmachender Transzendenz – nicht in dem Sinn, wie Gott transzendent ist, sondern im Sinn von Überschreitung – und Subjektivität in dem Sinn, dass der Mensch nicht in sich selbst eingeschlossen, sondern immer in einem menschlichen Universum gegenwärtig ist, das ist es, was wir existentialistischen Humanismus nennen.“ [30]
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[30] ↑ Sartre, Gesammelte Werke, Band 4, S. 141
Quelle:
http://de.wikipedia.org/wiki/Humanismus (5. September 2009)
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[...] Zuerst äußert sich Sartre zu dem Vorwurf, der Existentialismus sei düster, hässlich und skandalös. Die Kommunisten würden dem Existentialismus vorwerfen, er erzeuge Verzweiflung, da nach ihm alle Lösungen verbaut seien und das Handeln somit völlig unmöglich sei. Die Christen hingegen würden am Existentialismus kritisieren, dass er die Schönheit des Lebens ignoriere und nur die menschliche Schande, das Schäbige, Trübe und Klebrige zeige.
Beide Vorwürfe hält Sartre für unangebracht. Er beseitigt sie mit den Argumenten, dass der Existentialismus eine Lehre sei, die das menschliche Leben sehr wohl möglich mache. Jede Wahrheit und jede Handlung würde ein menschliches Milieu und eine menschliche Subjektivität einschließen. Der Existentialismus versuche keineswegs, den Menschen in Verzweiflung zu stürzen. Er sei kein Atheismus in dem Sinn, dass er sich in dem Beweis erschöpfe, dass Gott nicht existiere, sondern er erkläre, dass selbst die Existenz Gottes nichts ändern würde. Der Mensch müsse sich selbst wieder finden und sich davon überzeugen, dass ihn nichts vor sich selbst retten könne - nicht einmal ein gültiger Beweis der Existenz Gottes. In diesem Sinne sei der Existentialismus ein Optimismus, eine Lehre der Tat.
[...] Wenn wir uns selbst erschaffen, müssten wir auch bestimmen, wie wir uns selbst erschaffen wollen - wir müssten selbst entscheiden, wie wir leben wollen. Der Mensch sei für das, was er ist, verantwortlich. So bestehe die erste Absicht des Existentialismus darin, jeden Menschen in den Besitz seiner selbst zu bringen und ihm die totale Verantwortung für seine Existenz zu übertragen. Diese Verantwortung trüge er jedoch nicht nur für seine Individualität, sondern für alle Menschen.
[...] Sartre beschreibt dies mit folgenden Worten: „So ist unsere Verantwortung viel größer, als wir vermuten können, denn sie betrifft die gesamte Menschheit. […] Wenn ich - eine individuellere Angelegenheit - mich verheiraten und Kinder haben will, ziehe ich dadurch, selbst wenn diese Heirat einzig von meiner Situation oder meiner Leidenschaft oder meinem Begehren abhängt, nicht nur mich selbst, sondern die gesamte Menschheit auf den Weg zur Monogamie. So bin ich für mich selbst und für alle verantwortlich, und ich schaffe ein bestimmtes Bild vom Menschen, den ich wähle; mich wählend wähle ich den Menschen.“
[...] Eine wichtige These des Existentialismus lautet: „Der Mensch ist Angst.“ Was bedeutet das eigentlich und woher kommt diese Angst? Laut Sartre müsse den Menschen die Überlegung, dass er mit seiner Lebenswahl nicht nur eine Entscheidung für sich, sondern für alle trifft, in Angst versetzen. Er könne dem „Gefühl seiner totalen und tiefen Verantwortung“ nicht entrinnen, wenn er sich darüber im Klaren sei, dass er ein Gesetzgeber für die gesamte Menschheit sei. Der Mensch müsse sich immer fragen, was geschehen würde, wenn alle so handelten. Außerdem müsse er sich darüber Gedanken machen, ob er auch derjenige sei, der das Recht habe, so zu handeln, dass sich die Menschheit nach seinen Taten richten könne. Wenn er sich das nicht frage, verhindere er das Aufkommen von Angst - dies sei jedoch falsch.
Denn die Angst, die der Mensch bei diesen Fragen verspüren sollte, sei eine einfache Angst, die alle kennten, die einmal eine größere Verantwortung zu tragen hatten. Sartre bringt an dieser Stelle das Beispiel eines Offiziers, der die Verantwortung für einen Angriff trägt und somit für die Entscheidung über Leben und Tod einer bestimmten Anzahl von Männern. Auch wenn der Offizier Befehle von oben erhält, sind diese weit gefasst und müssen von ihm interpretiert werden - von dieser Interpretation hängt das Leben von mehreren Soldaten ab. Es sei unmöglich, dass er beim Treffen seiner Entscheidung nicht eine gewisse Angst empfinde. Diese Angst sei eine, die jeder Verantwortliche kenne. Sie hindere ihn nicht zu handeln, im Gegenteil, sie sei die Bedingung seines Handelns. Denn diese Angst führe dazu, dass eine Entscheidung nicht vorschnell gefällt werde und somit vielleicht unverantwortlich ist. „Sie ist kein Vorhang, der uns vom Handeln trennt, sie ist Teil des Handelns selbst.“
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Literaturangaben:
* Sartre, Jean-Paul: Ist der Existentialismus ein Humanismus? Ullstein, Frankfurt 1989 - ISBN 3-548-34500-X
Quelle:
http://de.wikipedia.org/wiki/L%27existentialisme_est_un_humanisme (13. Mai 2009)