[...] Es ist das Jahr 1904. Sabina Spielrein gilt als Hysterikerin, und sie wird eine der Ersten sein, die im psychoanalytischen Setting durch assoziatives Sprechen geheilt werden wird. Am Ende, es ist das Jahr 1913, sitzt dieselbe Frau, die inzwischen ihrerseits Psychoanalytikerin ist, wieder in einer Kutsche, die sie für immer fortbringt von diesem Ort.
Dazwischen liegen Jahre, in denen C. G. Jung, ihr Arzt, sie nicht nur heilt, sondern auch mit ihr ins Bett geht, Jahre, in denen eine respektvolle Freundschaft zwischen Jung und Sigmund Freud entsteht und wieder zerbricht, Jahre, in denen die Psychoanalyse auch mit Hilfe von Sabina Spielrein als Theorie erblüht und in der Praxis Erfolge feiert. Jahre, in denen die alte Ordnung zerbricht und Europa sich rüstet, in Stücke zu gehen.
Wie gefährlich ist die Psychoanalyse und für wen? Das ist die Frage, die dieser Film stellt, was man dem deutschen Titel allerdings nicht mehr ansieht. Er ist das Ergebnis einer Reihe von Metamorphosen. Das Theaterstück von Christopher Hampton, das dem Drehbuch zugrunde liegt, heißt "The Talking Cure", während das Buch von John Kerr, das gleichfalls als Quelle des Films genannt wird, als "A Most Dangerous Method" Mitte der neunziger Jahre bekannt wurde. Dieses Buch heißt im Deutschen, je nach Ausgabe, "Eine höchst gefährliche" oder "Eine gefährliche Methode", und diesen Titel trägt Cronenbergs Film auch im Original: "A Dangerous Method".
Der deutsche Verleih hat daraus "Eine dunkle Begierde" gemacht, was angesichts des Themas, um das geht, dann doch unterkomplex scheint. Denn die Begierde - ist sie nicht immer dunkel? - liegt zwar am Grund von allem, wenn wir die Psychoanalyse ernst nehmen. Aber Thema von Stück, Buch und Film ist die Frage, was passiert, wenn wir ihrer habhaft werden - Sublimierung und die Entstehung einer neuen Theorie - oder uns ihr hingeben - Entsublimierung und Grenzüberschreitung. Es geht darum, zu verstehen, was uns quält und was uns treibt, und ob wir dadurch, dass wir darüber zu sprechen lernen, irgendetwas ändern können. Also noch mal: Wie gefährlich ist die Psychoanalyse und für wen?
... Triebe und Träume, das ist das Material, mit dem die Psychoanalyse arbeitet, und sie sind auch das Material des Kinos. Das ist, je nach Sichtweise, entweder eine sehr gute oder eine wenig vielversprechende Ausgangslage, um die beiden in einem Film zusammenzubringen. Eine sehr gute, weil das Kino der Logik innerer Vorgänge, welche die Psychoanalyse zu ergründen sucht, in seinen Bildern und ihrer Verknüpfung selbst auf der Spur ist. Eine wenig vielversprechende, wenn es um historisch verbürgte Situationen geht wie bei Cronenberg - dann sind wir doch nah dran am Kostümfilm, in dem in steifen Krägen und dem Rauch aus dicken Zigarren erstickt, worum es doch eigentlich gehen sollte: das Leid der Patienten und die Revolution des Denkens.
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Aus: "Gefährdete Männer gestehen" Von Verena Lueken (08.11.2011 )
Quelle:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/video-filmkritiken/video-filmkritik-gefaehrdete-maenner-gestehen-11521938.html