[Ernst von Glasersfeld:] [...] Aber wenn Sie fragen, wie man überhaupt Ideen aufbaut, dann ist die einzige Antwort darauf - meiner Ansicht nach – dass man gewisse Stücke der Erfahrung aus unterschiedlichen Gelegenheiten verbinden möchte, weil man etwas damit tun will. Und mit diesen Verbindungen stellt man Versuche an. Die eine Verbindung funktioniert und die andere funktioniert nicht. Und so baut man sich Begriffsgerüste auf. Das wichtigste dabei sind wahrscheinlich die Beziehungen.
Und es ist sehr schwer, zu sagen, wie man die herstellt; denn die Beziehungen haben kaum mit dem Sensomotorischen zu tun. Die Beziehungen sind rein abstrakte Konstrukte, die meiner Ansicht nach – aber das ist nur eine Ansicht, ich kann das nicht beweisen – dadurch entstehen, dass die Aufmerksamkeit sich von einem Begriff zum anderen bewegt und diese Bewegung auf eine bestimmte Art und Weise macht.
[...] Die Idee der Aufmerksamkeitsbewegungen habe ich fast direkt von meinem Freund, dem italienischen Linguisten und Philosophen Silvio Ceccato übernommen. Ceccato war der erste, der sich gefragt hat, wie die Aufmerksamkeit tatsächlich funktioniert. Vorher hat man sich die Aufmerksamkeit vorgestellt wie einen Scheinwerfer, der die Landschaft beleuchtet. Nun ist es aber ganz klar, dass es im Gehirn keine Landschaft gibt. Es gibt dort nichts, was man auf diese Weise beobachten könnte. So ist er auf die Idee gekommen, unabhängig von den neurophysiologischen Experimenten, die damals gemacht wurden, dass die Aufmerksamkeit nicht ein Scheinwerfer ist, sondern ein Puls, eine pulsierende Angelegenheit.
Er hat noch nichts vom Alpharhythmus gewusst, er hat das als Idee aber brauchbar gefunden und sich dann jahrelang damit beschäftigt, herauszufinden, wie aus Aufmerksamkeitspulsen Begriffe zusammengestellt werden können. Er hat da eine sehr hübsche binarische Theorie aufgestellt. Wenn man ihn gut gekannt und mit ihm gearbeitet hat, dann hat man die Bewegungen in seiner Aufmerksamkeit selber fühlen können.
Aber wenn man das nur liest, dann ist es unmöglich für jemanden, das gleich zu verstehen. Man muss sich lange Zeit damit befassen und auch dann weiß man nicht, ob das der Fall ist, ob man das wirklich vertreten kann. Ich weiß das heute noch nicht. Aber die Bewegung der Aufmerksamkeit von einem Begriff zum anderen, die scheint mir viel konkreter zu sein.
[...][ORF.at:] Sie haben im Vorwort zu der Taschenbuchausgabe Ihres Buchs "Radikaler Konstruktivismus" geschrieben: "Ideen sollten niemals Privatbesitz sein."
Ja. Man darf eine Idee nicht behandeln wie ein Grundstück. Wenn man sie veröffentlicht hat, ist sie frei benutzbar für jeden. Der französische Dichter Paul Valéry, meiner Ansicht nach einer der größten Denker des 20. Jahrhunderts, hat einmal sehr schön gesagt: Wenn man etwas veröffentlicht hat, dann ist es wie ein Gebrauchsgegenstand, den jeder benützen kann, wie er will, und das ist sehr schön.
Denn oft führen einen die Ideen von anderen Leuten auf ganz andere Wege, die diese Leute selbst nie gegangen sind. Ich habe auch von Philosophen Sätze benutzt, die diese selbst sicher anders interpretiert haben.
Wir diskutieren ja heute viel über "geistiges Eigentum".
Weil die Leute Geld damit verdienen wollen. Vor zweihundert Jahren hat wohl kaum ein Philosoph daran gedacht, mit dem, was er schreibt, Geld verdienen zu können. Aber heute, sobald Sie ein Buch schreiben, müssen Sie ja Geld verdienen.
[...] Sie glauben nicht, dass wir das Bewusstsein erklären können.
Ich glaube nicht, dass es rational erfassbar ist. Intuitiv sicher. Ich habe ja die größte Verehrung für die Mystiker. Aber sobald die versuchen, mir ihre Ideen rational zu erklären, reden sie Unsinn.
Aus: "Konstruktivismus und Kreativität" (19.04.2008) - Ernst von Glasersfeld ist Mitbegründer der Denkrichtung des Radikalen Konstruktivismus, die untersucht, wie wir uns unsere Vorstellung von der Welt bilden.
Quelle:
http://futurezone.orf.at/it/stories/270952/