COMMUNICATIONS LASER #17
February 08, 2012, 10:36:23 PM *
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Author Topic: [Empathie ermöglicht also... ]  (Read 429 times)
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« on: June 01, 2010, 01:32:41 PM »

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[..] Empathie ermöglicht also schon gemäß Freud und Lipps, von außen unter Beachtung der Grenzen eine andere Person ganzheitlich - also auch unter Einbeziehung ihrer Emotionalität – zu erfassen, diese im eigenen Bewusstsein als „Alter Ego“ (mit begrenzter Kontingenz) zu konstruieren und mit dieser zu kommunizieren.

[...]

Lipps unterscheidet drei Stufen der Empathie:

    * Die erste Ebene beinhaltet generelle Empathie, wenn die Form eines Objekts eine Aktivität hervorruft.
    * Auf der zweiten Ebene vollzieht sich natürliche Empathie. Auf dieser ruft ein Objekt eine Aktivität hervor, die versucht, es in einen realen Kontext bzw. einen kausalen Zusammenhang einzuordnen. Auf dieser Ebene geschieht es, das Objekte "vermenschlicht" werden.
    * Auf der dritten, der höchsten Ebene der Empathie, reagieren wir auf echten menschlichen Ausdruck wie Gesten, Gesichtsausdrücke und Stimmlagen.

[...] Perspektivenübernahme  ist eine Technik bzw. Fähigkeit aus der Sozialpsychologie und dem Psychodrama, bei der man sich in die Rolle und Position eines anderen hineinversetzt und versucht, die Welt aus dessen Sicht zu sehen.

    „in den Mokassins eines anderen gehen“ - (Indianische Redensart, vollständig „Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist“ für: sich in seine Rolle, seine Perspektive einfühlen). Außerdem wird darunter die Fähigkeit verstanden, auf andere Werthaltungen und Normen einzugehen, um sie in die Person integrieren und neue soziale Rollen annehmen zu können (vgl. Tausch (Soziologie)).

Wesentlich dabei ist, dass der eigene Affektzustand dem Gefühlszustand einer anderen Person entspricht. Dies wird dadurch ausgelöst, dass man die Perspektive der anderen Person einnimmt – „in ihre Haut schlüpft“ – und so ihre emotionalen und anderen Reaktionen begreifen kann. Dies gelingt teilweise sogar in extremen Situationen. Beispielsweise wird in Anti-Aggressivitäts-Trainings die Fähigkeit von (potenziellen) Gewalttätern gefordert, sich empathisch in ihre Opfer hineinzuversetzen.

Die gemeinsame Übernahme einer Perspektive hängt in der Geschichte oft mit demokratischen Tendenzen beziehungsweise mit der Überbrückung von Standesgrenzen zusammen. Das Theater der griechischen Antike war eng mit der Idee der athenischen Demokratie verbunden. Aristoteles prägte in diesem Zusammenhang die Begriffe Mimesis und Katharsis.

[...]

Im Jahr 2000 entdeckte Giacomo Rizzolatti die Spiegelneurone in der Großhirnrinde von Rhesusaffen. Die Neurone haben die erstaunliche Eigenschaft, immer gleich zu reagieren, egal ob der Affe eine Handlung selber ausführt oder ob er diese Handlung bei anderen beobachtet. Rizzolatti schrieb 2006 über seine Forschungen das "So Quel che fai - Il cervello che agisce e i neuroni specchi."[4] Das Buch erschien 2008 in deutscher Übersetzung. Giacomo Rizzolatti beschreibt (zusammen mit Corrado Sinigaglia) über die weitreichenden Konsequenzen seiner Entdeckung, über die vielen Bereiche unseres Denkens, Handelns und Empfindens, in denen das Spiegel-Prinzip eine Rolle spielt.[5]

Untersuchungen zu Spiegelneuronen lassen zwischen dem Nachahmungsverhalten und der Fähigkeit zur Empathie einen Zusammenhang vermuten, beispielsweise beim Gähnen und beim ansteckenden Lachen. Dieses Phänomen wird jedoch als Gefühlsansteckung bezeichnet und keinesfalls als Empathie im oben beschriebenen Sinn (gemäß Freud und Theodor Lipps). Diese Vermischung oder Verwechselung findet sich recht häufig auch in wissenschaftlichen Texten.

...



Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Empathie (31. Mai 2010)

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« Reply #1 on: June 01, 2010, 01:36:28 PM »

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[...] Durch das Durchleben von Mitleid und Furcht (von griechisch eleos und phobos, auch Jammer und Schauder  übersetzt) erfährt der Zuschauer der Tragödie als dessen Folge eine Läuterung seiner Seele von diesen Leidenschaften.

[...] Die bis ins 18. Jahrhundert vorherrschende moralisierende Interpretation der Katharsis versteht also die psychische Veränderung vor allem als Vorbereitung für eine moralische Verbesserung. Modernere psychologisierende Deutungen geben der Veränderung eher den Sinn eines Abbaus psychischer Spannungen. Im Psychodrama  nach Jakob Levy Moreno soll moralisch wertfreier die Katharsis nach der Maxime „Jedes wahre zweite Mal ist wie das erste Mal“ zu einer Neuorientierung der Lebensgrundsätze sowohl bei Zuschauern wie auch Protagonisten  des psychodramatischen Spiels führen.

In Bezug auf die Entwicklung des deutschen Theaters polemisierte vor allem Bertolt Brecht in seiner Theatertheorie (episches Theater) gegen die Katharsis und forderte einen distanzierten Zuschauerblick. (Post-)modernes Theater ist zunehmend geprägt von fragmentarischen Katharsis-Effekten, die allerdings auf keinen dramaturgischen oder moralischen Nenner mehr zurückzuführen sind.

...


Katharsis (Literatur)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Katharsis_%28Literatur%29 (24. Mai 2010)

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« Reply #2 on: June 01, 2010, 01:41:30 PM »

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[...] Eine Studie der Universität Michigan kommt zu dem Schluss, dass amerikanische Studenten heute weit weniger zu Empathie fähig sind, als noch vor 30 Jahren.

"Der größte Abfall von Einfühlungsvermögen war nach dem Jahr 2000 festzustellen", sagte Co-Autorin Sara Konrath. Demnach hätten Standard-Persönlichkeitstests aus einem Zeitraum von 30 Jahren offenbart, dass Studenten  heute etwa 40 Prozent weniger einfühlsam seien als ihre Kommilitonen aus den 70er Jahren. Ein Befund, der sich vor allem darin äußert, dass Studenten heute weniger fähig seien, die Sichtweise ihrer Mitmenschen zu verstehen oder Mitgefühl mit Notleidenden zu empfinden.

Nicht zuletzt deshalb empfänden viele Menschen die heutige Studentengeneration als "Generation Ich", eine Gruppe von selbstsüchtigen, narzistischen, wetteifernden und individualistischen jungen Menschen, sagte Konrath.

Die Ursachen für die beobachtete Entwicklung nennen die Forscher nicht. Ein möglicher Auslöser könnte ihrer Meinung nach jedoch der zunehmende Einfluss der Medien sein. "Verglichen mit vor 30 Jahren werden Studenten heute mit etwa dreimal mehr  Informationen überschüttet, die nichts mit ihrem Studium oder ihrer Arbeit zu tun haben", sagt Konrath. Die Forschung lege nahe,  dass die zunehmende Darstellung von Gewalt in Medien zur emotionalen Abstumpfung der Studenten beitrage.

Eine weitere Ursache für die mangelnde Empathie-Fähigkeit von Studenten sehen die Forscher im vom ständigen Wettbewerb geprägten sozialen Umfeld. Zudem könnten soziale Netzwerke im Internet zum Verfall der zwischenmenschlichen Kommunikation beitragen. So sei es in einer Online-Konversation möglich, irgendwann einfach nicht mehr zu antworten - ein Verhalten, dass sich möglicherweise auch auf persönliche Gespräche überträgt.

Die Forscher der Universität Michigan werteten für ihre Studie die Daten von 72 Einzelstudien aus, die im Zeitraum zwischen 1979 und 2009 entstanden. Befragt wurden darin etwa 14.000 Studenten, beispielsweise zu ihrer Zustimmung zu Aussagen wie  "Ich versuche manchmal, meine Freunde besser zu verstehen, indem ich mir vorstelle, wie sie Dinge aus ihrer Perspektive wahrnehmen" oder "Ich sorge mich häufig um Menschen, denen es schlechter geht als mir."

Quote
Dadamsda schreibt Böse Medien und Internet

Ich glaube es einfach nicht. Die Medien und die sozialen Netzwerke sind schuld. Nee, ist klar. Und dann natürlich nur die Studenten. "Der größte Abfall von Einfühlungsvermögen war nach dem Jahr 2000 festzustellen" Könnte der Grund (wenn es wirklich einen Empathie-Abfall gab) 9/11 oder die Wirtschaftskrise sein? "Die Ursachen für die beobachtete Entwicklung nennen die Forscher nicht. Ein möglicher Auslöser könnte ihrer Meinung nach..." Ja was denn nun? Liebe SZ, solche Agenturmeldungen übernimmt man nicht ohne sie zu hinterfragen.


Quote
srb70 schreibt (kommentar mal wieder verschwunden..)

hartherzigkeit ist nicht nur ein phänomen unter studenten, sondern in der gesamten gesellschaft.


Quote
POTHEKE schreibt Nichts Neues

Bei den Juristen war das schon immer so.




Aus: "Studie zu Empathie-Fähigkeit Hartherzige Studenten" (01.06.2010)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/karriere/studie-zu-empathie-faehigkeit-hartherzige-studenten-1.952684

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« Reply #3 on: April 14, 2011, 01:46:15 PM »

Quote
[...] Am 21. November 2010 wurden in einem Waldstück des Ortes die Leichen eines 13-jährigen Jungen und eines 14-jährigen Mädchens gefunden. Ein 26-jähriger Mann aus Uslar wurde zwei Tage später festgenommen und gestand, beide getötet zu haben.


http://de.wikipedia.org/wiki/Bodenfelde (23. März 2011)

-.-

Quote
[...] Doppelmord von Bodenfelde: Keine Regung, nur Grauen
Es war eine Tortur für alle Beteiligten: Vor dem Landgericht Göttingen wurde das Geständnis von Jan O. verlesen. Schonungslos hat der 26-Jährige aufgeschrieben, wie er Nina und Tobias aus Bodenfelde tötete,*jeden Handgriff seiner teils kannibalistischen Tat dokumentiert.

http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,756863,00.html


Quote
fpa, 13.04.2011

Kein Mensch ist ein Robotor...

Quote
Zitat von opriema

Mich würde von den Fachleuten hier interessieren, ob solche Menschen in erster Linie "Opfer" ihrer Gene sind oder hat die Umwelt, die Eltern, sie zu solchen Taten erst befähigt? Ist er ein "natürlicher Psychopath" oder einer, der gewisse genetische Dispositionen hat und diese durch Erziehung oder eben Nichterziehung, seelische Verwahrlosung oder was auch immer, ihn zu diesem Monster haben werden lassen?


 ...auch ein Jan O. nicht. Die entweder-oder-Fragestellung halte ich für falsch. Natürlich ist immer beides beteiligt. Und mit dem (glaubensmäßigen) Leugnen des jeweils anderen Teils (also Veranlagung leugnen, bzw. Entwicklung leugnen) macht man eigentlich alles immer nur schlimmer, anstatt die mögliche Gefahr abzuwenden. Darüberhinaus hat diese Fragestellung einen unguten Begleiteffekt: Jede mögliche Antwort macht den Täter de facto auch zum Opfer. D.h. bei dieser Fragestellung wird bereits implizit und suggestiv davon ausgegangen, dass der Täter und seine Tat quasi von außen, durch Gene oder Erziehung "gemacht wurden", er also wenig bis gar keinen Einfluss auf die Tat habe. Für mich ist das viel zu verkürzt, da es die Eigenverantwortung des Menschen im Grunde genommen ausblendet. So ist aber der Zeitgeist. Da ist mir das altertümliche Gegenteil "mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa", das mich selbst für all meine Handlungen und auch mein Leben als ganzes als verantwotlich verpflichtet, hundert mal sympathischer ... ob mit oder ohne das Konstrukt "Gott".

Aber schauen Sie auf die Details: Aus Jan's schriftlichem Tatbericht wird klar, dass er nicht die mindeste Empathie für seine Opfer, ja vermutlich überhaupt für irgendeinen anderen Menschen empfindet. Für ihn wichtig ist ausschließlich er selbst und vermutlich sein Bild bei den anderen. Als von seinem Einnässen die Rede ist, zeigt er Regung, das ist ihm peinlich, was er aber überspielen möchte.

Das Problem der Empathie Beurteilung ist, dass jeder Mensch seine eigenen Empathie natürlich auch an- bzw. wegtrainieren kann. Das kennen wir von Rassisten oder im Krieg, oder nehmen wir etwas harmloseres, Tiere. Im meinem Zivildienst, in einem medizinischen Forschungslabor, mußte ich an und ab Versuchsratten schlachten. Am Anfang fällt das nicht leicht, es gibt einem einen richtigen Stich ins Herz (und das obwohl ich von Lande komme, und ich z.B. dem Schlachten eines Huhnes für den Sonntag durch meinen Vater stets beigewohnt hatte). Nach dem dritten vierten mal stumpft man bei den Laborratten ab, zumindest bei Ätherbetäubung. Guillotine blieb immer hart.

Aber genau diese Trainings-Analogie darf man gewiß hier nicht ziehen. Bei psychopathischen Tätern ohne Empathie findet man mit bildgebenden Verfahren heute sehr wohl physiologische Unterschiede ihrer Gehirne gegenüber normalen Menschen. Der Grund dafür kann angeboren sein, ein physisches Trauma, ein Tumor, die möglichen Gründe sind vielfältig und nicht eindeutig. http://sciencev1.orf.at/news/8368.html



Quelle: http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=33530

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« Reply #4 on: June 11, 2011, 11:15:37 AM »

[Zustände & Wirklichkeitsbereiche... ]
Grammatik des Seelischen, Innerlichkeit, Wittgenstein

… Die Wirklichkeit des Inneren wird von ihm primär anhand der Verwendungsweise der psychologischen Ausdrücke analysiert – mit der Absicht, über eine “Grammatik des Seelischen” Einsichten in die Struktur unseres Inneren und seines Verhältnisses zum Äußeren zu gewinnen. Darüber hinaus geht Wittgenstein von einer quasi ontologischen Voraussetzung aus. Nämlich davon, daß es sich bei den “Tatsachen” und “Zuständen” des Inneren und Äußeren um zwei Wirklichkeitsbereiche handelt, die im Status ihrer Realität ebenso wie in ihrer Phänomenalität und Begrifflichkeit eine eigenständige Wirklichkeit haben und in ihrer “Logik” unterschieden sind, also nicht aufeinander zurückgeführt werden können. …

Aus: “Wittgensteins interner Dualismus von Innen und Außen – “Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie”" Autor: Wilhelm Lütterfelds, Erschienen in: WITTGENSTEIN STUDIES, Diskette 1/1995
=> http://sammelpunkt.philo.at:8080/434/1/07-1-95.TXT

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… Wenn wir verstehen, was es heißt, daß es Kriterien für die Identität eines Zustands gibt, dann sehen wir, daß die Fähigkeit, einen bestimmten Zustand zu identifizieren, nicht von der Fähigkeit getrennt werden kann, um die Existenz dieses Zustands zu wissen. … die Fähigkeit, Wissen von den inneren Zuständen anderer Subjekte zu haben, stellt sich als die Fähigkeit heraus, eine bestimmte Haltung dem anderen gegenüber einzunehmen: die Haltung des Antwortens. … Der Skeptiker entdeckt in der Tat eine Wahrheit über unsere Urteile, eine Wahrheit indes, die der Skeptiker nicht verstehen kann. …

Aus: “Wissen im Normalfall – Wittgenstein über Kriterien für innere Zustände”
Von Andrea Kern (Datum 200?, Gesellschaft für Analytische Philosophie e.V.)
=> http://www.gap-im-netz.de/gap4Konf/Proceedings4/pdf/6%20EK06%20Kern.pdf

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… In der Geschichte der Philosophie sind es die späten Schriften Ludwig Wittgensteins, die einstehen für eine Kritik der philosophischen Innerlichkeit. »Eine der philosophisch gefährlichsten Ideen ist, merkwürdigerweise, daß wir mit dem Kopf, oder im Kopf denken.«
Zu bestreiten, wie Wittgenstein es tut, daß wir im Kopf denken, bedeutet zwar durchaus nicht, vom Gegenteil, also davon, daß unsere Gedanken außerhalb unseres Kopfes gedacht werden, überzeugt zu sein. Es heißt jedoch, eine scheinbare Selbstverständlichkeit (daß unsere Gedanken im Kopf sind) abzuweisen, um hiermit die Wege einer psychologischen Erkenntnistheorie als Irrwege zu kennzeichnen und zu verbauen. Wittgensteins Innerlichkeitskritik, die keineswegs als absurd abzutun ist, impliziert eine Kritik der psychologisch argumentierenden und theoretisierenden Philosophie. Wittgensteins Spätphilosophie steht für eine radikale Problematisierung der psychologischen Innenwelt …. Das Paradigma der Innerlichkeit gänzlich hinter sich zu lassen, widerstrebt [Heimito von Doderer >> Dämonen] nicht zuletzt aufgrund eines antikollektivistischen Affektes, der sich in einem grundsätzlichen Mißtrauen gegenüber der Öffentlichkeit ausspricht. Doderer wäre nicht der konservative Schriftsteller, als der er sich verstanden hat, würde nicht sein Auszug aus dem Innenleben des Individuums mit einem gleichzeitig emphatischen Bekenntnis zur Macht des Individuums – und gegen die gemeine Masse – gepaart. Eine Doderer hier immer wieder helfende Referenz besteht im (mehrfach zitierten) Wort Paul Valérys, »es gäbe nichts billigeres und gemeineres, als im Gespräche mit sich selbst Argumente zu gebrauchen, die man auch anderen gegenüber anwenden würde« .

Aus: “Das Werden der Vergangenheit – IV. Innerlichkeit als motivisches Restparadigma in den Dämonen”
Von Kai Luehrs-Kaiser, Datum (1999)
=> http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/diss/2003/fu-berlin/2001/238/Luehrs-2-4.pdf

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… Das, was als die Seele oder das Innere eines Menschen angesprochen wird, ist erst durch [ein] Sprachspiel konstituiert worden und unabhängig davon gar nicht erfassbar [=> http://de.wikipedia.org/wiki/Sprachspiel]. Wir haben deshalb keinen unmittelbaren, naturwissenschaftlichen Zugriff auf dieses „Phänomen“, der uns der damit zusammenhängenden Ungewissheiten entledigen könnte, denn für das, was wir das „Seelenleben“ oder „Innenleben“ der Menschen nennen, ist die Ungewissheit über seinen Inhalt wesentlich. Die „Logik“ oder „Grammatik“ des Seelischen ist bestimmt von dem „Fehlen exakter Regeln der Evidenz“. Nur das gilt uns als Seele oder menschliches Innenleben, von dem wir eben gewöhnlich sagen: „Wir können uns immer irren; wir können nie sicher sein; was wir beobachten, kann immer noch Verstellung sein“. Darum kann die „Unmöglichkeit zu wissen, was im Anderen vorgeht“ auch eine „logische“ sein: wüssten wir es regelmäßig und mit Sicherheit, wir bezeichneten es nicht mehr als etwas, was „in ihm vorgeht“; gäbe es „exakte Regeln der Evidenz“, also Regeln, die einen zweifelsfreien Schluss von den Äußerungen und vom Benehmen auf die Einstellungen, Überzeugungen, Gefühle und so weiter eines Menschen ermöglichten, das ganze Sprachspiel rund um die Seele wäre wohl nie erfunden worden. Das Innere muss also auch dunkel bleiben, um nicht zerstört zu werden. … Nun dürfen aber Wittgensteins Aussagen über die physische und die logische Unmöglichkeit eines Blickes ins Innere des Menschen nicht als Beitrag zur Metaphysik der Seele missverstanden werden. Er spricht nicht von Eigenschaften der Seele, sondern von Eigenschaften des Sprachspiels über die Seele; er behauptet nicht, die Seele sei letztlich unerforschlich, sondern dass „unser Sprachspiel (…) auf unwägbarer Evidenz` beruht“. … Damit ist die Frage, was es mit diesem Innenleben, mit dem Inneren des „Ausdrucks“ nun auf sich hat, noch nicht beantwortet. Wir wissen nur, dass es weder offensichtlich noch unerkennbar ist: Was ist es aber wirklich? Oder, anders formuliert: Was ist die Seele?

Wittgenstein gibt darauf eine überraschende Antwort: Die Seele ist nur ein Bild. Sie ist ein Bild, das wir uns vom Menschen machen, weil das menschliche Benehmen nicht wie der Lauf einer Maschine vorhergesagt werden kann. Für diese Unsicherheit über das Verhalten der anderen haben wir unzählige Redeweisen, neben den schon genannten, von Wittgenstein angeführten („Wir können uns immer irren; wir können nie sicher sein; was wir beobachten, kann immer noch Verstellung sein.“), fallen mir noch ein: „Ich kann in ihn nicht hineinschauen“, „Sie macht sowieso immer, was sie will“ oder „Ich habe ihn nie verstanden“.

Aus: “FREIHEIT DES AUSDRUCKS – Zwei sprachphilosophische Annäherungen an ein Menschenrecht”
Florian Oppitz (Wien 2002)
=> http://sammelpunkt.philo.at:8080/13/2/Ausdruck.html

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Quelle: http://www.subfrequenz.net/fraktallog/?p=6702

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« Reply #5 on: December 20, 2011, 09:03:54 PM »

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[...] Vorstellen muss man sich Richter als einen Moderator im Runden Kreis, aber als exaktes Gegenbild zum heutigen Talkmaster. Alles setzte er dem Gespräch aus, alles war "Analyse", ständig. Er sprach mit leiser und sehr klarer Stimme, und wie er das machte, steckte immer ein Stück Anerkennung für denjenigen darin, der sich äußerte.

... Willy Brandt und insbesondere Michail Gorbatschow verkörperten für ihn jenen Politikertypus, der am klügsten, wirksamsten mit den Beschädigungen der eigenen Gesellschaften umgeht: Zivilisierungsarbeit nicht durch autoritäre Führung, sondern auf diskursive Weise, zuhörend, aber mit eigenen Maßstäben. Lafontaine respektierte er wegen des Mutes, sich an die Spitze jener zu setzen, die herauskommen wollten aus der Logik des Kalten Krieges. Helmut Schmidts "Nachrüstung" hielt er für falsch – und dennoch atmet selbst sein letztes Buch noch etwas von dem Respekt für den sechs Jahre älteren Sozialdemokraten aus.

Ein Moralist war Richter nicht, auch wenn das Klischee darauf hinauslief. Er hat auf den Männlichkeitswahn, auf die Selbstanmaßung der Finanzmärkte, auf die Unbescheidenheit an und für sich, im Privaten, in der Wissenschaft, in der Politik, sehr akribisch und kritisch, bis zuletzt wachsam und unnachgiebig geblickt.

...


Aus: "Abschied vom Seelendeuter der Republik" Von Gunter Hofmann (20.12.2011)
Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2011-12/nachruf-horst-eberhard-richter

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Quote
[...] Horst-Eberhard Richter, der vorgestern im Alter von 88 Jahren in Gießen starb, war der bedeutendste Interpret des Bewusstseins seiner Zeit. Dazu nutzte er das wertvollste intellektuelle Rüstzeug, das in der Nachkriegszeit zu haben war: Psychologie, Einfühlung, auch Empathie und Kritik an dem, was er Versteinerung, Verhärtung, Verpanzerung nannte.

... Zur historischen Einordnung: Nur mit Mühe, gegen den Widerstand der Union, konnte im Jahr 2000 ein Verbot des Schlagens von Kindern gesetzlich verankert werden. Für Horst-Eberhard Richter, Jahrgang 1923, stand früh fest, dass es ein Übel war, die Männerrolle soldatisch zu definieren, die der Frau als seine Komplizin und Amme seines Nachwuchses.

...


Aus: "Der Therapeut der Republik" von Jan Feddersen (20.12.2011)
Quelle: http://www.taz.de/Nachruf-Horst-Eberhard-Richter/!84113/

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http://de.wikipedia.org/wiki/Horst-Eberhard_Richter
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