[...] Heute gibt es die Kodak-Labore nicht mehr. Die Mitarbeiter sind in alle Winde zerstreut, die meisten von ihnen arbeitslos. Für Kodak wurde der Verkauf zum Millionengrab und gewaltigen PR-Desaster. Und gegen Uwe Gesper, den 50-jährigen ehrenwerten Privatinvestor, ermittelt die Staatsanwaltschaft Mannheim.
Verdacht auf Insolvenzverschleppung, Untreue und Gläubigerbegünstigung lautet der Vorwurf. Auch bei der Sparkasse Heidelberg wurden schon Akten beschlagnahmt. Gegen sie und ihre drei Vorstände wird ebenfalls ermittelt. Bei ihnen vermutet die Staatsanwaltschaft, Gesper Beihilfe geleistet zu haben.
Am Montag, Punkt 14 Uhr, kommen aber nicht der ehrenwerte Investor oder die Sparkassenvorstände vor Gericht, sondern Kodak. Vor der 18. Zivilkammer des Landgerichts Stuttgart müssen sich die Führungskräfte des Fotokonzerns einfinden: 74,5 Millionen Euro fordert der Insolvenzverwalter Werner Schreiber von der Kodak. So hoch sei der Verlust, der bei den Laboren anfiel – denn drei Monate nach dem Verkauf waren sie pleite.
Verkauf mit anschließender Insolvenz – wer denkt da nicht an Siemens und BenQ? Schreiber möchte sich zu dem Vergleich nicht äußern, aber aus seinem Umfeld ist zu hören, dass sich der Insolvenzverwalter der Ähnlichkeit der beiden Fälle durchaus bewusst ist. Hier wie da trennte sich ein namhafter Konzern von einer traditionsreichen Sparte. Und hier wie da war die Tochter nach kurzer Zeit zahlungsunfähig, und weit mehr als tausend Mitarbeiter standen vor dem Aus.
„Wir wurden kalt entsorgt“, sagt Silvia Lotterer. Sie war 2003 Betriebsratsvorsitzende der Kodak Fotoservice GmbH (KFS) und warnte früh vor dunklen Machenschaften. Kodak plane, die Labore zu verkaufen, damit ein anderer sie dann in die Insolvenz führe, wurde gemunkelt. Auf diese Weise wolle sich der Konzern um die Abfindungen für die 1 500 Mitarbeiter herumdrücken. Kodak wies solche Anschuldigungen von sich. Doch heute sieht sich die Betriebsrätin bestätigt.
Am 1. Dezember 2003 verkauft die Kodak ihre Tochter KFS für einen Euro an die BHG Color & Print Gruppe in Heidelberg. Hinter der BHG steht als Beiratsvorsitzender Uwe Gesper. Er ist derjenige, den die Mitarbeiter nur als „ehrenwerten Privatinvestor“ kennen. Erst später erfahren sie, womit Gesper sein Geld verdient: Der Rechtsanwalt der Mannheimer Kanzlei GHP hat sich auf Insolvenzen spezialisiert.
Kodak verkaufte seine Labore also an einen Insolvenzexperten. Böse Absichten freilich seien damit nicht verbunden gewesen, versichert Kodak noch heute – im Gegenteil.
Rückblende: Die Fotobranche ist 2003 in einer schweren Krise. Immer mehr Deutsche knipsen digital, immer weniger Filme müssen entwickelt werden. Die Fotolabore kämpfen mit extremen Überkapazitäten. Wie aus dem Nichts taucht in dieser Situation Gesper auf. Der Rechtsanwalt übernimmt 2003 mit seiner BHG-Gruppe nacheinander das Berliner Großlabor Wegert, die V-Dia-Laborgruppe und eben die KFS. Insgesamt kommt die BHG-Gruppe in kürzester Zeit auf 2 500 Mitarbeiter.
„Im Bereich Großlabore gab es damals auf Grund der Überkapazitäten Restrukturierungsbedarf, und die Kodak musste sich fragen, was sie macht“, sagt Rechtsanwalt Stefan Rützel von der Stuttgarter Kanzlei Gleiss Lutz, die Kodak vertritt. „Gesper kam damals zur Kodak und sagte, er habe ein gutes Konzept für eine mittelständische Laborgruppe.“
Beruhigend habe auf die Kodak die Beteiligung der Sparkasse Heidelberg gewirkt. Sie war mit hohen Krediten bei der angeschlagenen V-Dia engagiert und habe Gesper als Sanierer eingesetzt. „Von der Sparkasse kam das Signal: Wir haben die V-Dia finanziert, und wir finanzieren auch die neue Laborgruppe“, sagt Rützel.
Die Sparkasse Heidelberg erinnert sich anders. Keinesfalls sei es so gewesen, dass seine Bank und Gesper als Team aufgetreten seien, sagt der Vorstandsvorsitzende Helmut Schleweis. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen die Bank seien unbegründet und rufschädigend. Per Anwalt teilt die Sparkasse mit: „Der Erwerb der KFS durch die BHG war nicht mit der Sparkasse Heidelberg abgesprochen oder abgestimmt.“
Abgestimmt oder nicht, Ende 2003 ist der Kodak eines klar: Mit dem Laborgeschäft geht es so nicht weiter. Doch Vorsicht – die Labore sollen zwar schrumpfen, keinesfalls will man sie aber als Geschäftspartner verlieren. Denn Kodak liefert jährlich Fotopapier und Chemikalien für Millionen an die Tochterfirma, und sie ist ein wichtiger Lieferant für Kodaks Großkunden. Ein Zusammenbruch der KFS würde Kodak schwer treffen.
Neben dem Sparpreis von einem Euro gab Kodak deshalb Uwe Gesper und seiner BHG für die KFS noch einiges auf den Weg: laut Rützel 14,5 Millionen Euro Barmittel, einen Teil davon für Abfindungen, dazu vorteilhafte Lieferverträge für Fotopapier und Fotochemikalien sowie Immobilien. Rützel: „Sowohl Käufer als auch Verkäufer waren der Meinung, dass die Labore damit restrukturiert werden und weiterlaufen können.“
Drei Monate später sind alle Pläne Makulatur. Nach Auskunft der Betriebsräte will Gesper den 850 Mitarbeitern, die gehen sollen, weniger als die Hälfte der üblichen Abfindungen zahlen. Ende Februar bricht Gesper die Sozialplanverhandlungen ab, noch zwei Tage vorher ergeht die Anweisung an die Lohnbuchhaltung, die Abrechnungen für alle 1 500 Mitarbeiter zurückzuhalten. Eine BHG-Sprecherin sagt öffentlich: „Wir können zahlen, wir wollen aber nicht.“
Diese Maßnahme löst in den Laboren Panik aus. Wer am Monatsanfang Miete und Versicherungen von seinem Konto abbuchen lässt, sieht sich durch Gespers Schritt mit einem Schlag am Rand des Ruins. „Viele Mitarbeiter sind in niedrigen Gehaltsgruppen und haben bei ihrer Bank keinen Spielraum“, erklärt Betriebsrätin Lotterer: „Mancher weiß nicht, wie er übers Wochenende kommen soll.“
Kodak sieht diesem Spiel wortlos zu. Nur drei Monate zuvor gehörten die 1 500 nun in Nöten schwebenden Männer und Frauen zur Firma – jetzt sind ihre ehemaligen Vorgesetzten nicht erreichbar. Selbst Kodak-Europachef Helmut Reissmüller, der im Beirat der BHG sitzt, lehnt jeden Kommentar ab. „Die Herren bei Kodak sind nicht mehr für uns zu sprechen“, sagt die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ramin. „Aber wir wissen, wer uns in diese Lage gebracht hat.“
Am 5. März 2003 stellt die KFS einen Insolvenzantrag. Der Insolvenzverwalter Schreiber findet bei seiner Ankunft keine funktionsfähige Firma mehr, sondern nur noch ein Gerippe. Dem Betriebsrat sagt Schreiber: „Von dem hohen Millionenbetrag der Kodak an die KFS zur zweckgebundenen Restrukturierung der KFS ist nichts mehr da. Die Konten aller Labore sind leer, kein Cent drauf.“
Wo das Geld hin ist? Keiner weiß es. Uwe Gesper ließ mehrfache Anfragen des Handelsblatts unbeantwortet. Seine BHG Color & Print GmbH stellte drei Monate nach der KFS ebenfalls einen Insolvenzantrag. Die Staatsanwaltschaft Mannheim will sich vor Abschluss ihrer Ermittlungen nicht äußern. Einen Zeitpunkt hierfür nennt sie nicht.
[...] Nach der Insolvenz drohen sie, auf der Branchenmesse Photokina 2004 Massenproteste zu organisieren und den US-Konzernvorsitzenden Dan Karp auszubuhen.
Das wirkt: Elf Millionen Euro zahlt Kodak noch 2004 an seine ehemalige Belegschaft. Das entspricht 70 Prozent der Abfindungen, die der Betriebsrat fordert. Kodak betont, es bestehe kein Rechtsanspruch, aber man wolle soziale Härten ausgleichen. Die Bedingung: Die Mitarbeiter sollen auf öffentliche Aktionen und alle Ansprüche gegen Kodak verzichten – die Ex-Belegschaft akzeptiert.
Am Montag aber klagt vor dem Landgericht Stuttgart kein Mitarbeiter, sondern der Insolvenzverwalter. Drei Jahre nach dem Verkauf der Labore wird Kodak von seiner Vergangenheit doch noch einmal eingeholt.
Aus: "Kodaks ehrenwerter Investor" Fotolabor-Vergangenheit holt Unternehmen ein (HANDELSBLATT, 27.11.2006)
Quelle:
http://www.handelsblatt.com/news/Unternehmen/Industrie/_pv/doc_page/1/_p/200038/_t/ft/_b/1174370/default.aspx/kodaks-ehrenwerter-investor.html